[ FOTY 2015 ] Mad Max: Fury Road

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Star Wars auch ein bisschen. Aber Mad Max wird vermutlich mein Film des Jahres bis 2020, zumindest hoffe ich, dass irgendwann wieder etwas Vergleichbar Gutes kommt. Ich liebe Star Wars und ich habe Episode VII 4x im Kino gesehen, aber Mad Max ist einfach frischer, neuer, besser, aktueller. Star Wars ist Retro. Das ist gut so. Aber wir haben 2016, Gottverdammt!

Ich hab Fury Road seit meinen beiden Kinobesuchen noch unzählige Male auf blu-ray geguckt und bin immer noch der Meinung er ist

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– Ich liebe die Szene, in der Furiosa Max die Sequenz nennt, mit der man das Rig startet („One, One, Two, Black, Red, GO“ haben sich für immer in mein Hirn gebrannt). Wenige Sekunden vorher war die Sequenz das Einzige, was Max daran gehindert hat, Furiosas Grüppchen im Wüstenstaub zurück zu lassen. Doch Furiosa entscheidet sich, Max die Sequenz zu nennen und gibt ihm damit eigentlich die Möglichkeit, seinen Fluchtplan durchzusetzen und alle sitzen zu lassen. Eigentlich. Aber er tut es nicht, denn Furiosa hat ihn richtig eingeschätzt und ihm genau das bisschen Macht zurückgegeben, das ihm hilft, sich zu beruhigen und sich auf alle zu konzentrieren, denn sie überlässt ihm einen gigantischen Haufen Verantwortung über etwas, von dem er noch nicht so richtig versteht, was überhaupt geschieht: Furiosa behandelt ihn wie einen Menschen, wie einen Gleichgestellten. Sie macht ihn zum Teil des Teams und das erwischt Max so überraschend, dass er nicht eine Sekunde hinterfragt, was gerade passiert, sondern einfach „Yes, ma’am“-t und loslegt. Furiosa hätte ihn ebensogut windelweich prügeln können in dem Moment oder ihn hilflos sitzen lassen, kein Problem, aber nein, sie versteht, dass er sich wie ein gefangenes Tier verhält (eine Minute vorher hatte er ihr noch eine Waffe ins Gesicht gehalten), weil er denkt, dass er das auch ist und sie gibt ihm die Gelegenheit wie ein Mensch zu agieren, was er ohne zu zögern tut. Furiosa erreicht ihr Ziel, denn Max fügt sich sofort in die Gruppe ein und das nur, weil sie ihn wie eine rationale, funktionierende Person behandelt, nicht wie Ware.

– Der wichtigste Satz im Film und eigentlich auch die Sublinie des Plots ist „We are not things“. Das gilt in Mad Max nicht nur für die Frauen, sondern für ALLE Menschen. Für Immortan Joe sind alle Waren, Gegenstände, keine Menschen. Frauen sind Milcherzeuger oder Schätze (der Eingang zum Zimmer seiner Ehefrauen ist eine TRESORTÜR), Männer sind Kriegsinstrumente oder Organ- und Blutbanken. Die Vuvalini sind das genaue Gegenteil. Sie weigern sich, irgendjemanden wie ein Objekt zu behandeln. Sie töten zwar auch, aber niemals ohne Grund. Als Joe Furiosa ankündigt, nenn er ihre Titel, ihre Statussymbole, aber selber stellt sie sich den Vuvalini gegenüber als Familienmitglied vor, als wer sie ist, wer ihre Familie war und woher sie kam. Furiosa und Max versuchen ihre Humaniät zu bewahren in einer toten Welt. Ihr Weg ist nicht die Flucht durch die Sandwüste, sondern die Rücknahme (redemption): Sie gehen zurück zu denen, die sie wie Produkte behandelt haben und andere wie Ware behandeln, um ihnen zu zeigen, dass es auch anders geht.

– Über die Szene mit den Ehefrauen in der Wüste, die sich waschen, habe ich lange nachgedacht. Ich habe sie im Film als unnötig sexuell empfunden, aber das kommt daher, dass ich es mich einfach nicht mehr gewöhnt bin, Frauen NICHT sexuell in Filmen dargestellt zu sehen. Nichts an der Szene war sexuell. Die Frauen hatten gerade den halben Tag in einem Lastwagenhintern in der Wüste verbracht, sie spülen sich ab, sie waschen sich nicht sexy-hexy like. Und sie legen ihre Keuschheitsgürtel ab, versuchen aus ihrem Leben als Produkt auszutreten. Die Szene scheint nur wie eine konventionelle sexistische Trope, weil ich mich so sehr an konventionelle sexistische Tropen gewöhnt habe, aber der Film zeigt auf, was mit unserer gesamten Kultur schief läuft (durch den gesamten Film hindurch, eigentlich).

– Obwohl der Film Mad Max im Titel hat, ist Max nicht der Protagonist. Der Film dreht sich um Imperator Furiosa und ihre extrem interessante und affengeile Story. Das regte im Vorfeld sehr viele Meninist (Leute, die sich für mehr Rechte für Männer einsetzen (es hört sich lächerlich an, ich weiß)) und andere Gleich-Denkende auf, die damit argumentierten, dass dies den gesamten Film – ja, die gesamte Reihe kaputt machen würde. Drei Filme über einen Dude, waren ihnen nicht genug und sie haben offenbar auch nicht wirklich verstanden, dass Mad Max in JEDEM dieser Filme in jemandes anderen Story hineingerät und dann versucht zu helfen.

– Ich habe mich extrem gefreut, dass es keine Liebesgeschichte gab in Mad Max. Aber der Moment in dem Max Rockatansky Imperator Furiosa als Rifle-Stand dient, ist das Romantischste, was ich On-Screen je gesehen habe.

– Was ich an Mad Max: Fury Road fast am Meisten liebe ist, wie oft Nux fast seinen Schuh zurück gekriegt hat.

– Mad Max hat eine wahnsinnig gewalttätigt, hypermaskuline Plot-Linie und… funktioniert irgendwie trotzdem. Es geht um eine ganze Kultur mit einem extrem ungleichmäßigen Machtgefüge, extrem aggressiv und possessiv und eine Gruppe Frauen versucht, daraus auszubrechen. Als es ihnen gelingt erweist sich die Richtung, in die sie möchten, als erfolglos, eine endlose Leere aus Sand. Also entschliessen sie sich dazu, das System anzugreifen, aus dem sie kamen.

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– Ich bin wirklich hart verliebt in den Film. Für Hollywood zeigt er ein enormes Mass an Repräsentation; klar, keine PoC, dafür eine Protagonistin mit Handicap! Und die Bösen sind die weißen Männer! Schwangere Frauen, die heftig austeilen, Frauen in gehobenerem Alter, die alle abhängen und Männer und Frauen mit physischen oder psychischen Handicaps KICKING ASS!

– Eine Szene, die ich ausserdem im Kino (ich habe den Film nur 2x im Kino gucken können, mir dann aber sofort die blu-ray geholt) war der Moment, wo man zum ersten Mal glaubte, okay, jetzt kommt die in Hollywood übliche Mann-rettet-Frauen-in-Not-Trope, doch stattdessen zeigte der Film der MRA* und seinen Zuschauer den Finger.

Als das Rig auf den Canyon zufährt und Nux die Energiezufuhr des Gas-Tanks gekappt hat, der vom Rig wie ein Anker mitgezogen wird, geht Max los, um ihn wieder anzuschliessen.

In einem Wide Shot sieht man wie Max das Rig entlang nach hinten läuft, während Nux sich am Bauch des Trucks entlanghangelt und in die Hatch krabbelt (wo sich „Oh nein, die armen unbeschützten Frauen ganz alleine!“ befinden).

Max gelingt es endlich, das Schloss seiner Maske zu öffnen und ist endlich frei (ja, wir bauen immer noch den Hollywood-Standard-Moment auf). Die Szene ist so aufgebaut dass an dieser Stelle jeder, der schon Mal einen Film gesehen hat, denkt, dass in dem Moment, in dem Nux Furiosa angreift, Rockatansky nach rechts schwingt und ihn ausknockt, damit er Furiosa und die anderen Frauen heldenhaft erretten kann.

Doch hier kommt der Finger ins Spiel, denn stattdessen überwältigen die Frauen Nux, halten ihn fest, bitten Furiosa sogar, ihn nicht zu töten, weil er nur ein gebrainwashter War Boy und in diesem Sinne unschildig ist, fesseln ihn stattdessen und erteilen ihm eine Lektion, warum Immortan Joe, den er wie einen Gott verehrt, so schrecklich ist („THEN WHO KILLED THE WORLD?“, bevor sie ihn unverletzt aus dem Rig werfen.

Max, der bis zu dem Punkt im Film ja als Lead dargestellt wurde, kehrt erst zurück, als die Frauen die Situation unter Kontrolle und Nux geffesselt haben und er gibt noch nicht einmal das Standard-„Lasst den Mann Mal machen“ von sich, sondern erkennt sofort, dass die Mädels alles im Griff haben und lässt sie einfach ihr Ding durchziehen. DAS nenn ich einen guten Lead.

Damit pisste der Film nicht nur den *Men’s Right’s Activists ans Bein (ja, es gibt Leute, die sich freiwillig so bezeichnen), die den Film deshalb ja auch boykottieren wollten sondern setzt auch ein wundervolles Zeichen für angehende Arbeitende der Industrie. Denn Mad Max hat sich trotz den 15 weißen Männern aus Alabama, die wegen der „Feministen-Agenda“ des Films nicht ins Kino gegangen sind, verdammt gut an den Kassen gemacht.

– Was der Film an „Feministen-Agenda“ (ich mag den Begriff, danke, borniertes Männertum) tatsächlich richtig macht, ist die zentrale Aussage des Films „WE ARE NOT THINGS“. Wenn man diese Message in einem guten und bombastischen Actionfilm verpackt an den wortwörtlichen Mann bringen kann, dann gibt es doch nur Gewinner, oder?

– Übrigens, ich weiss wie allergisch alle auf den Begriff „feministisch“ reagieren. Aber der komplette Film ist feministisch aufgebaut! Das ist nur so dermassen selten in Hollywood, dass für viele der Eindruck entsteht, der Film sei „über alle Maßen“ feministisch. Das einzige, was der Film macht, den (eigentlich wirklich fast) alle anderen Filme nicht machen ist: Die Protagonisten egal, welchen Geschlechts, gleichzustellen.

Nicht ein einziges Mal wird der weibliche Lead unter den männlichen gestellt oder umgekehrt. Max und Furiosa agieren auf derselben Ebene und funktionieren auch nur so. Max wäre tot ohne sie. Und die Frauen würden in den Salt Flats um ihr blankes Überleben kämpfen ohne Max. Jeder Charakter hat gleichwertige Beweggründe, Stärken und Schwächen.

Max ist nicht einfach nur eine „Blood Bag“, er ist ein Mensch, er ist komplex und er ist verloren. Er ist kein Medizinisches Behandlungsmittel.

Nux ist nicht nur ein War Boy, ein Werkzeug für Joes Krieg gegen alle, er ist kein Objekt, das sein Leben für Joe wegwerfen soll (wie es im Film zahlreiche andere tun). Nux erfährt Güte und Gnade, kriegt gesagt, dass er mehr wert ist als totes Fleisch für Joe zu sein und am Ende des Films findet er Hoffnung. Er ist keine Waffe.

Diese beiden Geschichten laufen absolut parallell zur Geschichte von Furiosa und den Ehefrauen. Sie wollen keine Gegenstände sein für Immortan Joe. Und alle sind gleichgestellt und kämpfen für dasselbe. Frauen retten Männer, Männer retten Männer, Männer retten Frauen, Frauen retten Frauen – und das alles Seite an Seite. Nennt mir einen anderen Film, der Gleichberechtigung besser darstellt.

Ich finde den Film einfach echt richtig, richtig gut und deswegen ist er mein Film des Jahres, okay?

 

 

 

2 Antworten zu “[ FOTY 2015 ] Mad Max: Fury Road

  1. hab den film leider noch nicht gesehen, aber will ihn umbedingt noch anschauen. Danke für die überzeugungsarbeit ;)

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