Alltagssexismus: Goodbye GoT

gotteaser

Liebes Game of Thrones,

es ist so weit. Ich mache Schluss mit dir. Ich würde normalerweise sagen, es liegt nicht an dir, es liegt an mir, aber… es liegt an dir. Komplett. 100%. Jap.

Ich war ein ziemlicher Fan von dir. Kein großer, deine Buchvorlage hat mir nie gefallen, aber immerhin mochte ich dich noch so gerne, dass ich dich regelmäßig verfolgt habe und mit anderen Leuten über dich gesprochen habe. Du wandeltest dich über die Staffeln hinweg von einer (was FFN (full frontal nudity) angeht) „revolutionären“ Fantasy-TV-Serie zum Guilty Pleasure. Und jetzt bist du für mich gestorben. Wieso?

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Warnung, unter dieser Spoiler-Warnung verstecken sich Spoiler.

Spoiler zu Game of Thrones nach dieser Game of Thrones-Spoiler-Warnung!

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Du hast das Fass zum Überlaufen gebracht. Endgültig. Und genau so, wie eine übersexualisierte Sammelfigur mit beweglichen weiblichen Extremitäten mir die Metal Gear-Reihe madig macht, hast du es mit der letzten Folge geschafft, mir den Nuggi aus dem Mund zu hauen. Wobei – falsch – tatsächlich habe ich die sechste Folge der fünften Staffel nie gesehen und ich wünsche mir auch, sie nicht anschauen zu müssen.

Erinnerst du dich an unser Gespräch von vor einem Jahr? Nach der Folge Breaker of Chains in Staffel 4 drehten sich die Internet-Diskussionen plötzlich um die eine Szene zwischen zwei Charakteren, die – laut der Meinung vieler – im Buch einvernehmlichen Sex hatten, was in der Serie als – laut der Meinung vieler – recht explizite Vergewaltigungs-Szene adaptiert wurde.

Damals habe ich dich noch verteidigt. Um deine Zahlen steht es schlecht… Zuviele interessante Hauptcharaktere sind weggestorben… Man ringt verzweifelt um Aufmerksamkeit… Kurz: Obwohl ich mir wünschte, dass das nicht passiert wäre, habe ich dich weiter geguckt.

Ich blieb dir selbst treu, als immer klarer wurde, dass die Lady Stoneheart-Storyline nicht stattfindet und ich war sogar ein Befürworter von Sansa Starks abgeänderter Geschichte, damit mir die reizende und fantastische Sophie Turner weiter als Teil der Serie erhalten bleibt. Dies wurde dadurch erreicht, dass Sansas Geschichte mit der eines weiteren Charakters aus den Büchern – Jeyne Poole – vermischt wurde.

Für die, die die Bücher nicht gelesen haben: Jeyne Poole, eine Winterfellerin gab vor, Arya Stark zu sein und heiratete später Ramsey Snow. Ich hatte ja – naiv, wie ich bin – aus unterschiedlichen Gründen gehofft, dass dies nicht bedeuten würde, was es bedeuten könnte. Doch laut den Twitter-Reaktionen und Episoden-Recaps wurde ich letzten Montag bitter entäuscht, als Sansa vor millionen Zuschauer von Ramsey vergewaltigt wurde, während Theon/Reek zuschaut.

„Künstlerische Freiheit“ war ein Argument der Pro-Rape-Argumentierer auf Twitter, die sich auf meinen kritischen Tweet hin geäußert haben.

Falsch: Vergewaltigung ist keine unbedingt nötige Erzähltechnik. Kein richtiger plot device.

Du, liebes Game of Thrones, hast, wie absolut jeder von uns mindestens einen Schöpfer. Diese Schöpfer treffen Entscheidungen. Sie haben sich bewusst dafür entschieden, Vergewaltigung als Plot-Antreiber zu benutzen. Das hat absolut und überhaupt rein gar nichts mit Kreativität zu tun, denn wie ich schon getwittert habe –

Paar Leute twitterten mich an mit dem Argument „das war nötig für Sansas / Ramsays Charakterentwicklung“. Nein. Und ich weiß nicht wie ihr darauf kommt, es sei denn, ihr habt die letzten Staffeln über geschlafen. Sansa hat bereits Missbrauchs- und Gewalt-Beziehungen (durch Männer) hinter sich, Ramsay wurde bereits mehrmals als Psychopath etabliert und am allerwenigsten brauchst du, Game of Thrones, NOCH ein praktisches und explizit gezeigtes Beispiel dafür, „wie schlecht es Frauen im Mittelalter ging“ (Zitat eines Rape-Verteidigers auf Twitter). Ja,  Westeros ist ein fiktionales, extrem patriarchalisches und ethnisch non-vielfältiges fiktives Universum. Doch das alles macht Vergewaltigung noch immer nicht zum „wichtigen Antrieb für die Handlung“ oder „story-driving device“.

Wie die Rape-Verteidiger überhaupt darauf kommen? Nun, leider ist Vergewaltigung als Impuls für Charakterentwicklung eine der problematischsten [ Tropen ] der Fiktion. Mit dieser wird in der Literatur sehr oft und meistens ohne weiteren Gedanken darüber, was dies bei Opfern oder fast-Opfern im richtigen Leben auslösen kann, um sich geworfen. Diente sie hier dazu, Sansa ein Motiv zu geben, um an die Macht zu kommen? Nein, denn offenbar legt die Szene den Fokus auf Theon (korrigiert mich, falls ich falsch liege, ich habe nur verschiedene Recaps gelesen und dort schien es überall so).

Nichts im Laufe der Serie hat außerdem darauf hingewiesen, dass Sansa Jeyne Pool werden würde. Ramsey hat Littlefinger versprochen „I’ll never hurt her, I swear“, Sansa hat in Winterfell verbündete, Brienne behält sie als Schutzengel aus der Nähe im Auge, Stannis rückt immer näher… Und die innere Stärke von Sansas Charakter ist das Gegenteil von Jeyne.

Also, bevor die entsprechende Szene kam, hätte Sansa (die eine lange Geschichte an Gewalt und Missbrauch hinter sich hat) einen Dolch aus ihrem Hochzeitskleid ziehen und Ramseys Storyline ein für alle mal beenden können.

DAS wäre zum Beispiel eine Überraschung für das Publikum gewesen, ein Bruch in der Erwartung der Zuschauer. Vergewaltigung hingegen, hat WAR erwartet (spätestens nach Folge 4 der aktuellen Staffel).

Was Sansas Charakterenwicklung angeht, liebes Game of Thrones und liebe Vergewaltigungs-Verteidiger, wo wart ihr die letzten Staffeln über? Denn in der Serie, die ich gesehen habe, war sie an der exakt selben Punkt der Narrative schon mal: Zerreist Ramsey in der Szene ihr Hochzeitskleid? Das hatten wir schon mit Joffrey im Thronsaal in King’s Landing. Also hat sich Sansa aus einer Missbrauchs-Beziehung herausgelöst, nur um paar Staffeln später an der exakt selben Story zu landen? Das hat weder mit Enwicklung zu tun, noch mit Fortschritt. Was trägt die Vergewaltigung also zu ihrer Geschichte bei? Nichts, liebes Game of Thrones, absolut rein gar nichts. Denn sie hat genau das Trauma schon durchlebt, sie war schon eine Überlebende.

Ich bin es jetzt schon Leid, die nächsten Monate über zu erklären, warum es aus ist, zwischen uns. Mein Mitbewohner hat dafür vollstes Verständnis, er hatte schon vorher die Nase voll von dir, du warst ihm einfach nicht gut genug, was ich jetzt auch einsehe. Ich ärgere mich darüber, dass ich einen Grund habe, dich zu verlassen und dass ich diesen mit so vielen Worten erklären muss, weil es Leute nicht verstehen wollen, was das Problem ist. Sie winken die Szene weg und sagen, das ist künstlerische Freiheit oder im schlimmsten Fall sind sie der Meinung, das sei gar keine Vergewaltigung, da es ihre Hochzeitsnacht war oder „das damals einfach so war“. Ich hasse euch dafür ein bisschen. Ach ja und wisst ihr was? Selbst die letzte schlimme explizite und unnötige Vergewaltigungsszene, die du im Fernsehen gezeigt hast, wird [ bis heute von den Darstellern und Serienmachern immer noch verteidigt ] damit, das sei einvernehmlicher Sex gewesen. Der Glaube, dass es keine Vergewaltigung ist, wenn jemand nicht ausdrücklich „Nein“ sagt oder sich mit physischer Gewalt verteidigt, ist immer noch erschreckend präsent. 2015, liebes Game of Thrones, 2015. Traurig, oder?

Der Produzent und Autor der Episode, Bryan Cogman, antwortete auf die Frage „Warum tust du Sansa so etwas an?“ der [ Entertainment Weekly ],

„Das ist Game of Thrones, sie ist kein ängstliches kleines Kind, das in der Hochzeitsnacht mit Joffrey landet. Sie ist eine gehärtete Frau, die die Entscheidung traf, in ihre Heimat zurück zu kehren. Sansa hat die Hochzeitsnacht, von der sie sich nie dachte, dass sie sie mit einem der Monster dieser Show hat. Sie ist sehr intensiv und schlimm und der Charakter muss damit umgehen (O-Ton will have to deal with it)“

Sophie Turner, die Darstellerin von Sansa, hat der [ Entertainment Weekly ] ebenfalls ein Interview zum Thema gegeben:

EW: Wie war deine Reaktion zum Skript, als du realisiert hast, was in dieser Staffel passiert?

Sophie Turner: „In der letzten Staffel hatte (GoT Regisseur) Alex Graves mir Hinweise gegeben. Er sagte, in der nächsten Staffel kriege ich einen Love Interest. Und ich war so – Ich kriege wirklich einen Love Interest? Als ich dann die Skripts erhielt, war ich total aufgeregt und überflog es und dann war ich so – Willst du mich verarschen?! Ich dachte, der Love Interest würde jemand sein wie Jaime, jemand, der sich um mich kümmert. Aber ich fand heraus, dass es Ramsay ist und ich zurück in Winterfell bin. Ich liebe die Tatsache, dass sie ihr zu Hause zurück gewinnt. Aber gleichzeitig wird sie bei sich zu Hause gefangen gehalten. Als ich das Skript bekam war ich so – Dude. Sie tat mir Leid. Aber ich war auch aufgeregt, weil es so krank ist und Theon auch wieder dazukommt und wie sich deren Beziehung abspielt. Theon ist ein Mitglied des Stark-Clans, aber sie denkt ja, er hat alle betrogen und die Kinder getötet. Das ist eine ziemlich abgefuckte Beziehung.

EW: Und dann gibt es noch die Szene, die im Production Breakdown als „Romantik stirbt“ beschrieben wurde. Sansas Hochzeitsnacht in Folge 6.

Sophie Turner: Als ich die Szene gelesen habe, habe ich sie geliebt. Ich liebe es, wie Ramsay Theon zwingt zuzugucken. Es ist alles so abgefucked. Sie war für mich sehr verführerisch. Ich habe (Produzent) Bryan Cogman ein schlechtes Gewissen eingeredet, dafür, dass er die Szene geschrieben hat. Ich sagte, ich kann nicht glauben, dass du mir das antust! Aber insgeheim liebte ich sie.

Als neben mir noch mehr Fans der Serie kritisch auf die Szene reagierten, hat George R.R. Martin, der Autor der Buchvorlage, [ in seinem Blog einen unkommentierbaren Kommentar ] gepostet. Darin sagt er unter anderem, dass er seit Staffel 1 sagt, dass dies nicht der Ort sei, die TV-Serie zu diskutieren, man solle das gefälligst respektieren. Und er schrieb auch David und Dan und Bryan und HBO versuchen die beste TV-Serie zu machen, wie sie können. Ich bin hier drüben und versuche die besten Romane zu schreiben, wie ich kann.

Genug ist genug. Man kann nur so oft von etwas angewidert werden, das man liebt, bevor man sich dazu bringt, sich von ihm zu trennen. Ja, ich rede von dir.

Also hier ist die Faceless Man-Münze zurück, und mein Anstecker mit dem Stark-Familienwappen aus dem HBO-Shop in New York. Ich will sie nicht mehr haben. Das ist das Ende zwischen uns beiden. Du hast diesen Abschiedsbrief eigentlich gar nicht verdient, aber wie du vielleicht siehst, liegt es doch auch einfach ein bisschen an mir…

[ Link-, Bild- und Text-Quellen ]

4 Antworten zu “Alltagssexismus: Goodbye GoT

  1. Daumen hoch dafür! Von dem ganzen Schöngerede an anderen Stellen wurde mir schon ganz anders. Ich werde mir die Folge wohl trotzdem ansehen. Die aktuellste Staffel wird aber von Folge zu Folge uninteressanter und unguckbarer…

    • Kann ich total verstehen. Ich will es auch niemandem vermiesen, ganz im Gegenteil. Mein Mitbewohner hatte die Serie schon lange vorher satt aus denselben Gründen und ich hab trotzdem weiter geguckt.

  2. Da kann ich nur schreiben: Bravo, weiter so! Ich lese deine Alltagssexismus-Beiträge sehr gern („gern“ im Sinne von: das muss mal gesagt werden; den Anlass für die Beiträge finde ich natürlich traurig).
    Und zum aktuellen Beitrag: Ich habe GoT noch nie gesehen (ist nicht meine Art Serie) – aber ich kann dich gut verstehen. Ich bin auch oft sprachlos, das so sinnlose Gewalt gegenüber Frauen als Machtdemonstration eben auch heute noch in Film/Serien als normal empfunden wird.

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