Die Ankunft

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Enttäuscht, ein bisschen traurig aber Thromboselos erreichte ich am 1. Oktober Dulles (ausgesprochen: „Dällas“) Airport in Washington. Ich nahm mein Handy schon auf der Piste aus dem Flugmodus (obwohl ich weiß, dass das verboten ist) um zu gucken, ob sich vielleicht Papi noch gemeldet hat. Oder Mami, Nick, Pascal oder Marc. Doch Verbindung fand das Smartphone keine. Da Pascal bestimmt schon auf mich wartete (wir sind schließlich mit rund 45 Minuten Verspätung angekommen), beeilte ich mich, um zur Gepäckausgabe zu kommen. Zuerst musste ich jedoch 15 Minuten in einem Menschenpulk auf die Miniversion eines Java Wüstenschiffs warten, das mich und die Hälfte der anderen Wartenden Bus-mäßig zu einem anderen Gate brachte. Im Javamobil hatte ich auch endlich Verbindung und konnte mich bei Papi in Frankfurt und Pascal in Amerika melden. Danach stand ich erst Mal 2h in der Schlange.

Die drei interessantesten Aspekte der zweistündigen Wartezeit in der Immigration Line (immerhin waren von 40 Schaltern (das ist NICHT übertrieben) immerhin 7 geöffnet) waren der große Bildschirm, auf dem sich ein 5 Minütiges Promo-Video über Amerika wiederholte, das optisch und inhaltlich absolut alle Klischees bediente, die man von den USA so hat, der zweite kleinere Bildschirm auf dem in Dauerschleife der Trailer zum neuen Brad Pitt-Film „Fury“ lief (wo in Dauerschleife für den Bruchteil einer Sekunde sogar Jason Isaacs zu sehen war) und ein A4-Zettel an einer Säule, der besagte, dass ich mit Betreten der Terminals alle meine Persönlichkeits-Rechte an eine Filmcrew abtrete. Was diese filmt oder produziert wurde nicht erwähnt. Gesetzgebungen und Personenschutz sind in den Staaten also lockerer als in Deutschland? Gut, das gleich bei der Ankunft zu erfahren.

Nach 2 Stunden Schlangestehen, nur um an Schalter 38 meinen Pass und den Zollerklärungszettel vorzulegen und jeden meiner 10 Finger einmal auf ein Gerät zu drücken und drei willkürliche Fragen zu meinem Aufenthalt zu beantworten, machte der nette und gut aussehende Officer auch noch ein Foto von meinem müden und seit zu Hause nicht neu geschminkten Gesicht. Mit einem Selbstwertgefühl so tief wie der Marianengraben schritt ich weiter zur Gepäckausgabe. Dort stand das Gepäck unseres Fluges natürlich schon längst irgendwo abseits des Bandes aufgereiht, doch ich fand meinen Koffer dank des 2 EUR-KIK-Regenbogenkoffersicherungsbandes sofort. Eine gute Investition. Ich stellte den kleinen Koffer auf den Großen und zog die insgesamt 21.9 kg (ich darf also noch 7.1 kg Sachen kaufen) zum Zoll. Dort musste ich erneut den Pass vorlegen und die lustige Zoll-Erklärung, in der ich versichere, dass ich keine a) b) oder c) Schnecken im Gepäck habe (Tut mir Leid, Amerika, aber auch hier muss ich doch mal eindeutig anmerken, dass es diskriminierend ist, Schnecken auszuschließen, wenn X schon aufgezählt wurden!). Jetzt ging es nur noch durch eine durchsichtige Glastür und BÄM! Ich war in Washington angekommen.

Ich freute mich riesig, Pascal da stehen zu sehen. Er und der Fahrer hatten bestimmt zwei Stunden auf mich gewartet! Ich hatte Schuldgefühle wegen meiner Eltern und Nicolas, die sich noch immer im trüben Deutschland befanden, aber die verflogen etwas, als ich aus dem Flughafengebäude austrat, direkt in die Sonne und frühherbstliche 21° C! Die Limousine, die wir über den Reiseveranstalter vorgebucht hatten war natürlich viel zu groß für Pascal und mich und die zwei Koffer. Oder für europäische Parkplätze. Oder für einen Hühnergroßtransport. Aber wenn man sich auf dem Flughafenparkplatz umschaute, waren fast alle Autos so groß. Ironischerweise hörte das gigantische Chevrolet SUV auch noch auf die Bezeichnung „Suburban“, also „Vorstädtisch“. Alles klar.

Die erste Autofahrt über amerikanische Straßen war großartig! Pascal erzählte mir von seinem Traumhaften Studentenleben in Virginia und am den Autofenstern vorbei zogen herbstbunte Laubwälder, ein wunderschönes Tal mit Fluß, teuer aussehende Yacht-Häfen und riesige Universitätsgebäude. Kaum verließen wir die Wälder fuhren wir schon direkt auf das Weiße Haus zu. Als wir etwa 3 Blocks im Stadtinneren waren, hörte man Polizeiautos. Viele Polizeiautos. Obwohl die Ampel, an der wir standen, schon auf Grün umsprang, fuhr unser Fahrer nicht weiter. Quer vor uns fuhren erst 4 Polizei-Motorräder vorbei, dann 4 Polizei-Autos, 2 SUV’s wie unseres und dann nochmal zwei Polizeiwagen.
„That’s the Vice President.“, informierte uns unser Fahrer.
Pascal und ich gucken uns an. Wie aufregend! Wer ist im Moment der Vizepräsident?
„Who’s the vice president?“, frage ich.
„Hillary Clinton.“, schlägt Pascal vor. Ich werfe John Kerry in den Topf.
„Here in the US we have a president. His name is Barack Obama. Then comes the vice president, then …” Ohne ihn unterbrechen zu wollen, denn er klang etwas irritiert oder fast schon beleidigt ab unserer Frage, wartete ich, bis er uns das komplette Regierungssystem der USA erklärte, während wir wieder losfuhren und das Weiße Haus am Ende der Straße zu sehen war.
„And who’s the current vice president?“, fragte ich am Ende vorsichtig.

„Joe Biden.“
Mein Bruder und ich gucken uns an: „Aaaah! Joe!“
„Haha, Joe. Hat schon Feierabend.“
„Und alle im Weißen Haus so: „Wo ist Joe?“ „Joe ist nach Hause.“ „Hach, dieser Joe.“
„… Joe ist nicht der, der jemandem ins Gesicht geschossen hat. Oder?“
„Nein, ich glaube, das war ein anderer alter weißer Mann.“

Pascal und ich unterhielten uns auf der Hinfahrt auch über unseren Englisch-Akzent. Pascal erklärte, dass er wirklich jedes Mal, wenn er irgendetwas sagt, sofort gefragt wird, woher er kommt und alle seinen Akzent so süß finden. Und ich hatte ja früher einen fetten Britischen Akzent, da ich in England lebte, um Englisch zu lernen, den ich in den letzten 2 Jahren komplett verloren habe durch meine Arbeit mit vielen US-Amerikanern und internationalen Kunden. Als wir am Empfang des Loews Madisons ankamen, mussten wir also erst einmal unsere Situation neu erklären, die Pascal am Nachmittag beim Check-In bereits erklärt hatte. Gebucht sind zwei Zimmer für insgesamt 5 Personen, aber 3 Personen sind noch nicht da, darunter die Person, auf die die Zimmer gebucht sind. Nachdem mein Redeschwall beendet war, fragte der Concierge Pascal, ob er der sei, der heute Nachmittag schon da war und Pascal antwortete nur „Yeah!“, da grinste der Concierge riesig breit und fragte woher er komme, wegen des Akzents! Ich stand einfach nur da und lachte. Und ganz ehrlich für mich spricht Pascal ein tolles lockeres Amerikanisch, ohne Frage. Aber das, was er mir im Auto eben erzählte wurde prompt bestätigt.

Da das Hotel vorausgebucht- und bezahlt worden war, mussten wir auch den Schlüssel für das zweite Zimmer entgegen nehmen und sind nach oben. Die Zimmer waren sehr, sehr edel, mit einer sehr lustigen extrem rassistischen Tapete (die leider keiner von uns fotografiert hat), auf der lächelnde Indianer ihren amerikanischen Eroberern auf Pferden zuwinkten und für sie Flöte spielten. Wir hielten uns auch gar nicht lange im Zimmer auf, da es draußen schon dunkel wurde und ich unbedingt noch mehr von Washington sehen wollte. Außerdem hatten wir beide riesigen Hunger. Pascal war am Morgen früh mit dem Bus aus Virginia angereist, konnte erst Mittags einchecken und hat sich deswegen nur ein paar Minuten hingelegt, bevor er eine Stunde lang mit Subway und Bus zum Flughafen fuhr, um mich abzuholen. Mein Wunschmenü an diesem Abend war auf jeden Fall „Surf & Turf“, da ich noch nie Fleisch in Kombination mit Krabben oder Hummer gegessen habe und alle drei sehr gerne mag. Ich hätte mich aber auch mit einem guten Steak oder einem tollen Burger absolut zufriedengegeben.

Wir liefen die Straße hoch zur National City Christian Church und einem Denkmal (ich tippte auf Roosevelt, weil er auf einem Pferd saß, aber es war irgendein Thomas) und schlenderten dann das, was ich für eine Parallell-Straße hielt, runter, wo wir gegenüber vom Franklin Square Park ein nettes Restaurant auf einem Balkon entdeckten. Wir guckten den Leuten in den Teller und was die hatten, sah fantastisch aus!
„Da?“
„Da.“
Wir waren hungrig und wir waren uns einig.
Dass wir uns das [ „The Hamilton“ ] ausgesucht hatten, das zum Hamilton Crowne Plaza Hotels gehörte, fanden wir erst am nächsten Tag heraus. Die Karte aber enttäuschte nicht. Ein Menü klang leckerer als das nächste, es gab Angus Beef Burger, es gab ein exotisches Club Sandwich und das warme Brot, das uns zur Vorspeise zusammen mit einer Kräuterpesto gereicht wurde war einfach nur himmlisch. Als die nette Kellnerin zurückkam, um die Bestellung aufzunehmen, hatten Pascal und ich uns beide noch nicht wirklich entschlossen und schwankten zwischen zwei bis drei Menüs. Die Kellnerin zählte auf, welche Tagesmenüs es heute gab, die nicht auf der Karte standen und der Satz endete mit: „… and our quality Surf’n’Turf.“
„Surf n’Turf.“, sagte ich.
„Surf n’Turf“, sagte Pascal.
„Oh, your accent is really cute! Where are you guys from?“, sagte die Kellnerin.

Das Essen, das wir serviert bekamen, war alles, was ich mir erträumt hatte und perfekt. Das Steak mit einem Klecks leckerer Steasksauce war Medium Rare (wie bestellt) und zart wie ein junges Rehlein, die 4 Scampis (das „Surf“ in „Surf n’Turf“) waren riesig, aber schmeckten trotzdem so unglaublich lecker, wie man sie sonst nur in Italien frisch erhält. Das Kartoffelpürree, das mit Speck, Zwiebeln und einem speziellen Gewürz versehen war, dass ich nicht identifizieren konnte, war wahnsinnig toll. Obwohl ich einen Bärenhunger hatte (ich hab im Flugzeug vom „Mittagessen“ nur ein Tortellini und ein Duplo-Baustein großes Stückchen Kirsch-Streuselkuchen gegessen und auf das „Abendessen“ (Pizza) komplett verzichtet.) schaffte ich den ganzen Teller nicht und auch Pascal (der sonst immer meine Reste isst) musste die Waffen strecken. Ich war überglücklich, satt und zufrieden und kann dieses Restaurant (so wie 90% aller Restaurants auf dieser Reise, die wir besuchten) absolut weiterempfehlen!

Nach dem Abendessen war ich noch immer nicht richtig müde (obwohl es erst 20:00 Uhr war, war ich an diesem Tag schon 23 Stunden unterwegs), deshalb beschlossen wir, auf dem Heimweg noch kurz beim Weißen Haus vorbeizuschauen. Es hatte einen wunderschönen, riesigen Kronleuchter. Und neben dem Weißen Haus stand noch ein Weißes Haus, das genau so aussah, wie das Weiße Haus! Die National Treasury. Wohl eher National Treachery, hohoho. Okay. Ich sollte ins Bett.

. . . : : : K A R T E : : : . . .

. . . : : : F O T O S : : : . . .

Alleine boarden. So war es nicht geplant, aber ich war nur so traurig, wie ich auch aufgeregt war. Auf nach Amerika!

Nein, ich habe keine Nacktschnecken mit. Ich schwör!

Ironisch, dass ich kurz nach Betreten des amerikanischen Bodens unfreiwillig alle meine Rechte an eine unbekannte amerikanische Filmcrew abgegeben habe. ‚MURICA!

Mein erster Bruder Pascal und mein erstes Surf’n’Turf.

Ich wünschte, ich könnte gebührend beschreiben, wie unglaublich lecker dieses Essen war. Ich habe 80 USD für uns beide bezahlt, das sind 40 USD pro Person für Vorspeise, Getränke und Hauptgang. Totally worth it.

Das echte White House, nicht die National Treachury.

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