[ KINO ] Walk of Shame: Slut Shaming – Der Film

walkshameteaserIch halte es in meinem Leben ja so: Wenn man nichts Nettes zu sagen hat, dann lässt man es lieber bleiben. Konstruktive Kritik ausgenommen. Jetzt habe ich gestern aber einen Film gesehen, mit dem Namen „Walk of Shame“, der mir so gar nicht gefallen hat.

Nun, wer also nicht gerne negative Reviews liest, oder es lustig findet, wenn eine Frau in einem kurzen Kleid automatisch für eine Prostituierte gehalten wird, sollte vielleicht nicht weiterlesen.

Meghan (gespielt von Elizabeth Banks, die ich bisher schätzte aufgrund des Remakes von „A Tale of Two Sisters“ und zuletzt in der Musik-Komödie “Pitch Perfect” gesehen habe) macht gerade eine Trennung durch, sowie eine sehr stressige Phase in ihrem Berufsleben. Deswegen nehmen sie ihre zwei besten Freundinnen mit, um eine Nacht lang in LA zu feiern. Sie trinkt dabei ein bisschen zu viel, trifft aber einen lustigen, galanten und gut aussehenden jungen Mann namens Gordon (gespielt von James Marsden , also Cyclops aus „X-Men“ und Corny Collins aus „Hairspray“). Die beiden vergnügen sich, bei Gordon zu Hause und landen schließlich bei ihm im Bett. Tatsächlich ist die ganze Montage vom Zusammensein der beiden süß und witzig und sexy und man hat richtig das Gefühl, dass sich die beiden gut verstehen und sich mögen. Da ich eine Rom-Com im klassischen Sinne erwartet hatte, war ich überrascht, den eigentlich beruft sich das Genre ja oft auf die Formel der Überwindung, jemanden trotz Abneigung oder sogar Ekel mögen zu lernen.

Leider ist „Walk of Shame“ keine romantische Komödie. Denn ab dem Moment, in dem Meghan mitten in der Nacht bei Gordon im Bett aufwacht, geht es in eine völlig neue Richtung, die so verquer ist, dass man sie nicht definieren kann, das einzig Sichere ist: Es geht rapide bergab.

Leider muss Meghan jetzt plötzlich aufgrund des Skripts mit übertriebenen Schuldgefühlen die Wohnung sofort verlassen, um den Plot endlich voranzutreiben. Sie stolpert aus Gordons Wohnung, wo sie auf der Straße feststellt, dass ihr Auto abgeschleppt wurde. Sie hat außer ihren Autoschlüsseln nichts dabei (die Brieftasche ist im Auto, ihr Handy bei Gordon) und kann nicht mehr in dessen Wohnung zurück. Also geht sie zu Fuß los.

Eine Sache, über die ich locker hinweg schauen könnte, bei jeder anderen Rom Com, sollte ich schon mal erwähnen: Meghan ist ein gutes Mädchen („good girl“). Sie bezeichnet sich mehrmals selber so und selbst ihr Vorgesetzter beschreibt Meghan gegenüber dem potentiellen neuen Arbeitgeber so. Die Aussage des guten Mädchens wird öfters wiederholt, als würde das etwas aussagen, als hätte es eine tiefere Bedeutung. Aber sie kleidet sich an dem Abend ein bisschen freizügig (im Film mehrfach verwendet: „a little slutty“), um clubben zugehen. Deshalb wird sie in der Nacht auf ihrem Heimweg (dem im Umgangssprachlichen „Walk of Shame“, was so viel bedeutet, wie nach einer Nacht mit jemand anderem in denselben Kleidern nach Hause zu gehen) und am folgenden Tag mehrfach für eine Prostituierte gehalten. Von allen möglichen Personen. Als wäre es selbstverständlich. Ihre Verteidigung und die Gegenargumente werden den kompletten Film hindurch ignoriert. Die junge Frau mit den perfekt gestylten Haaren und einem Kleidchen trägt im Sommer in LA keinen ein kurzes Kleid, um feiern zu gehen – folglich verkauft sie ihren Körper für Sex. Alles klar.

Vom ersten Taxifahrer wird sie für eine Stripperin gehalten. Er bedroht sie deshalb mit einer Schusswaffe und fordert sie zu einem Lapdance auf. An dieser Stelle des Filmes fühlte ich mich schon enorm unwohl. Wenn man in Hamburg als Frau alleine nach Hause geht, ist es sicherer ein Taxi zu nehmen. Dass Taxifahrer diese Tatsache ausnützen, passiert leider selbst in dieser – im direkten Vergleich zu L.A. doch recht kleinen Stadt – ziemlich häufig. Sie schafft es, zu entkommen und wegzulaufen, bevor es zu mehr als nur sexueller Nötigung kommt. Ach ja, nicht vergessen, das ist ja eine lustige Komödie.

Als sie Zuflucht bei einem Rabbi sucht, sieht er die junge Frau als „Temptress“, als Versucherin, als boshafte Verführerin, die ihn durch ihre reine Anwesenheit vom rechten Weg abringen will. Ihm kommen danach mehrere Männer „zu Hilfe“, die die arme Frau (die sich seit mehreren Stunden noch in derselben Notsituation befindet) verscheuchen.

Meghan flüchtet sich in einen Bus, wo sie von einer älteren Dame aufgrund ihres knappen Rockes angefeindet wird. Die Szene eskaliert so schnell und so hart, dass die Busfahrerin Meghan gewaltsam aus dem Bus raus wirft, weil sie die 1,50 Dollar Fahrtgeld nicht aufbringen kann.

Verzweifelt sieht Meghan ihre letzte Hoffnung in einem Fahrrad, das aber einem pubertierenden Jungen gehört, der sie dabei erwischt, wie sie das nicht abgeschlossene Fahrrad entwendet. Er bietet ihr das Fahrrad an, im Gegenzug soll sie ihm ihre Brüste zeigen. An diesem Punkt war mir wirklich schon fast schlecht.

Dass Meghan auch ihrem potentiellen Vergewaltiger erneut begegnet und er sie versucht zu schlagen, verprügeln oder Schlimmeres, habe ich ausgelassen. Auch dass ein komplett fremder Mann auf offener Straße ihren „Walk of shame“ in die Welt hinausschreit (im Sinne von „Hier ist Meghan Myles, sie hat gerade mit einem Mann geschlafen!“) war ziemlich verstörend. Ich verstehe auch nicht, wie so ein Begriff immer noch existieren kann. Was geht es denn die Mitmenschen an, wie lange man Nachts weggeht oder mit wem man dabei was macht? Es ist, als wäre eine ganze Bevölkerung nie in die Pubertät gekommen

Um ein bisschen Abwechslung ins Spiel zu bringen, wird sie nicht nur als „slutty“ oder „prostitute“ bezeichnet, sondern auch als „crack whore“ (Ja. Crack-Hure). Aber es kommt noch schlimmer.

Egal, wohin es Meghan verschlägt, das Vorurteil, dass sie eine Sexarbeiterin ist, ist allgegenwärtig und dient als Fundament für den „Humor“ des gesamten Films. Dabei kommt ganz unterschwellig die Botschaft heraus, dass sie ein gutes Mädchen („good girl“) war, bis zu dem Zeitpunkt, als sie sich entschloss, mit einem Mann ins Bett zu gehen, den sie in derselben Nacht kennengelernt hat.

Aber jetzt kommt die eigentliche Frechheit des Films: Meghan ist ein TV-Moderatorin, der eine Stelle bei einem größeren Sender angeboten wurde. Als sie am nächsten Tag also endlich rechtzeitig ins TV-Studio schafft, stellt sie während dem Verlesen des News-Textes fest, dass sie selber die Hauptschlagzeile des Tages ist: „The crazy hooker“ (frei übersetzt „die verrückte Schlampe“), die den ganzen Tag durch die Stadt lief und sich wie eine verrückte Schlampe benahm. I kid you not. Das ist der Inhalt der News-Sendung bei diesem fiktiven Los Angeles-News-Broadcast.

Und erneut wiederholt Meghan jetzt endlich auch für das Publikum dieser fiktiven TV-Show, dass sie keine Prostituierte ist. Da sie dies jetzt im TV verkündet, glauben es ihr die Leute vielleicht auch, im Gegensatz zum letzten Tag, an dem genau diese Aussage keinen Furz wert war. Ah, so lustig, dieser Film.

„Walk of Shame“ verliert an diesem Punkt aber auch seinen letzten Funken Sinn oder Daseinsberechtigung: Den ganzen Film über wird sie als „Slut“ (Umgangssprache für eine Frau, die mit vielen Männern schläft) gebrandmarkt, sie wird dafür verurteilt und am Schluss wird und dann rügt der Film den Zuschauer dafür, die endlose Slut-Shaming*-Tirade genossen zu haben (vorausgesetzt er konnte dem Film denn irgend etwas Positives abgewinnen).

Ich habe auf imdb versucht, eine Erklärung für dieses entsetzlich frauenfeindliche Werk zu finden und bin als Erstes bei Autor und Regisseur Steven Brill gelandet, der vor allem durch regelmäßige Zusammenarbeit mit Adam Sander bekannt wurde. Das erklärt schon mal die recht starke Absenz von Humor und gibt auch Aufschluss darüber, auf welchem Niveau sich der Film bewegt. Dass man so eine wirklich widerliche Verschwendung von Zelluloid 2014 noch ins Kino bringen kann, wird für mich aber für immer ein Rätsel bleiben.

*Was ist Slut Shaming?

2 Antworten zu “[ KINO ] Walk of Shame: Slut Shaming – Der Film

  1. Ich bin 16 und durfte mir in meinem Leben schon so viel a la „Es ist scheiße dass Frauen als Schlampen verurteilt werden und Männer nicht, aber so ist es nunmal also geh dem Stress einfach aus den Weg“ anhören, sogar von meiner Mutter.
    Ich finde es unverantwortlich, jungen Mädchen wie mir beizubringen dass sie sich für ihren Sexualtrieb zu schämen hat und ihn besser verleugnen sollte. Ich weiß dass ich in meinem Alter noch nicht reif genug bin, mehrere Liebhaber zu besitzen und all das aber muss man denn direkt versuchen mich zu einem Wesen der Masse zu erziehen dass die Regeln der Gesellschaft nie hinterfragt? Muss sagen dass es sogar schon gewirkt hat, mit jemanden zu schlafen mit dem ich keine feste Beziehung führe verschafft mir Übelkeit. Ich wünschte es wäre anders.

  2. Pingback: Slut-Shaming ist lustig und absolut in Ordnung (NICHT!) | Aus dem Leben einer Chaotin·

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