Zwei Zähne und ein Maulwurf

maulimaulwurfHeute war ein merkwürdiger Tag.
Ich will damit nicht sagen, dass andere Tage in meinem Leben normaler sind.
Aber sie sind definitiv weniger merkwürdig.

Ich habe in letzter Zeit eine ältere Handtasche wieder öfters benutzt. Sie ist komplett aus hellem Stoff und etwas leichter, als meine üblichen Ledertaschen und liegt in der Hitze nicht so schwer auf den Schultern. Naja und wie das so ist, wenn ich das Haus Morgens pünktlich verlassen will, finde ich in genau dem Moment einen riesigen schwarzen Fleck auf der Tasche. Ich vermute, er stammt von gestern, von einem schmutzigen Einkaufswagen. Ich seufze, eile nach oben und hole meine „Space Invaders Tasche 2“. Die ist schwarz. Und somit immun gegen schwarze Flecken.

Während ich also mein tagtäglich mitzuschleppendes Gut (Buch, 3DS etc. ihr wisst schon) von der einen Tasche in die andere verfrachte, mache ich plötzlich einen grausigen Fund. Blutige Zähne. Richtig gehört. Ziemlich große Stücke, die insgesamt Zwei blutige Zähne ergeben. Ja, ich habe sie auf dem Küchentresen zusammengebaut, um sicher zu gehen und zu erkennen, dass das Blut schon lange getrocknet ist. Wenn mein Freund das hier liest bringt er mich um.

Jedenfalls habe ich das getan, was in dieser Situation jeder tun würde: Die Zahnstücke zurück in die nicht benutzte Tasche stecken und zur Arbeit gehen. Trotzdem fragte ich mich auf dem ganzen Weg zur Arbeit woher diese Zähne stammen und warum ich mich nicht daran erinnere, warum zum Teufel in dieser Tasche zwei Zähne stecken. Ich kam zum Schluss dass es nur eine Erklärung dafür gibt:

Die Zähne befinden sich seit 4 Jahren in meiner Tasche.
Vor vier Jahren nämlich habe ich unter Lokalnarkose meine letzten zwei Weisheitszähne entfernt gekriegt. Das allein war eigentlich ein Erlebnis für sich. Der Chirurg (ich brauchte so einen, da die Zähne horizontal in meiner Wange gewachsen (je mehr leckere Details desto besser) und jetzt drohten meine von Kieferorthopäden bearbeitet Gebiss zu entstellen (ich bin meinen Eltern sehr dankbar dafür, dass sie das Geld einer Luxuskarosse in die Beseitigung meines Überbisses gesteckt haben, wow, ist das eine große Klammer.) Ach stimmt, das waren ja zwei.) Jedenfalls der Chirurg sang während der OP „Don’t Stop Me Now“ von Queen, was ich ziemlich episch fand und ehrlich gesagt weniger beängstigend als „I Am A Dentist“ aus „Little Shop of Horrors“, da es zu leichten Komplikationen kam – mein Unterkiefer musste fast komplett durchgesägt werden. Der Plan war eigentlich, die Zähne durch ein Loch in ganzen Stücken normal zu ziehen, doch sie mussten schlussendlich zerkloppt und die Stücke einzeln aus dem Kiefer geschnitten werden. Klingt angenehm, war es auch. Also nicht. Wirklich nicht. Während der OP habe ich jeweils nur den Druck und den Lärm gespürt und als alles fertig war die Watte-Rollen, die ich im Mund behalten musste, da der frisch genähte Kiefer noch arg blutete.

Mit zwei Kühlpäckchen für meine ganz dick geschwollene Wange (eins für sofort, eins für den Tiefkühler zu Hause) schickte er mich auf den Heimweg. Ob ich noch das Rezept für starke Schmerzmittel bräuchte? Nein, nein, sagte ich in meiner maßlosen Selbstüberschätzung. Bei der ersten OP, wo die oberen zwei Weisheitszähne zerkloppt und die Fragmente einzeln gezogen werden mussten, nahm ich 400mg Ibuprofen-Tabletten und gut war. Ob ich die Zähne haben möchte, fragte er und hielt ein Beutelchen, das mit Blut und Zähnen gefüllt war hoch. UNBEDINGT!

Mit zwei riesigen Zähnen in der hellen Stofftasche und ein Kühlpack an meine geschwollene Wange haltend trat ich den Heimweg an und stieg in den Bus. Da ich die Busfahrt Blut sabbernd unter schweren Schmerzen hinter mich brachte, ist es gut möglich, dass ich neugierig wurde und die Zähne aus ihrem Beutelchen genommen habe. Und dann vielleicht zurück in die Tasche aber nicht in den Plastikbeutel gesteckt habe. Vielleicht. Ich hoffe es.

Da ich bis ich das hier ausgeschrieben habe ziemlich überzeugt war von dieser Auflösung bin ich meine Heimfahrt sehr entspannt angetreten. Auf meinem Weg nach Hause fahre ich durch eine Ortschaft namens Königreich. Genau genommen gibt es zwischen Neuenfelde und Hove eine lange gerade 100er-Strecke, die danach in einer Linkskurve in eine 70er-Strecke übergeht, die wiederum an einer Rechtskurve mit 50 endet. Diese Rechtskurve führt einen kleinen Deich hoch, auf eine Brücke über die Este (direkt bei Estebrügge, verrückt, oder?) und danach den Deich wieder runter. Kurz vor der Deichkuppe gibt es eine Ampel. Die war aufgrund eines jungen Mannes mit einer Canon-Kamera rot, da er jetzt ausgerechnet die Straße überqueren musste. Weit und breit gab es kein anderes Auto an der Kreuzung. Hinter mir gähnende Leere. Als es grün wurde, fuhr ich also mit ordentlich Gas (am Berg) los, erreichte die Hügelspitze mit 50 km/h und plante das Auto auf dem Weg runter auf natürliche Art und Weise beschleunigen zu lassen. Doch während der Weg den Deich runter begann, fiel mir etwas auf der Straße auf. Etwas Kleines. Es war nicht gerade geschwind unterwegs und sah aus wie eine torkelnde hässliche Ratte ohne Schwanz. Als ich näher fuhr (und dabei bremste, nachdem ich hinter mir kontrolliert hatte dass keiner kam) erkannte ich plötzlich was es war: EIN MAULWURF! Für eine Vollbremsung war es schon längst zu spät und der Maulwurf war schon auf meiner Spur angekommen. Ich fuhr einen leichten Schlenker nach Links (es kam auch von Vorne weit und breit Keiner), es war die einzige Möglichkeit ihn zu überfahren, ohne dass ihm etwas passiert. Ernsthaft, der Bremsweg wäre viel zu lang gewesen, dazu muss ich noch nicht einmal rechnen können. Ich kenne mein Auto, es ist verdammt schwer und behäbig und wenn es bremst, quietscht es wie ein LKW beim Bremsmanöver. Ich überfuhr also den kleinen Maulwurf und versuchte ihn in dem Moment möglichst mittig unter meinem Auto weiter torkeln zu lassen und bremste dann weiter ab, um im Rückspiegel beobachten zu können, ob es ihm gut geht.

Den Maulwurf ließ die komplette Aktion gänzlich unbeeindruckt. Weit und breit kam kein anderes Auto und er hatte die hohe Kante zum Gehweg schon fast erreicht. Ein älterer Herr auf einem Fahrrad kam mir entgegen und guckte mir neugierig dabei zu, wie ich etwa 10 km/h fahrend mit der Hand vor dem Mund geschockt in den Rückspiegel schaute. Natürlich war mein Fenster offen, denn draußen war es schön kühl und mein Auto stand den ganzen Tag an der Sonne. Außerdem hörte ich sehr laut den Resident Evil Soundtrack (Inspired by the Motion Picture) und wollte die Menschheit daran teilhaben lassen. Der Fahrradfahrer, der sich mühselig den Deich hoch strampelte, schien aber wenig angetan. Er guckte mich noch immer an und ich löste die Augen vom Rückspiegel, als der Maulwurf den Bürgersteig erreicht hatte. „Maulwurf“, rief ich ihm zu und er blickte in die Richtung, wo der Maulwurf gerade – recht wendig, auf einmal, verglichen mit seiner bisherigen Performance – die hohe Kante erklomm. Dann fuhr ich weiter und brach in Gelächter aus.

Dieser Maulwurf war verdammt noch mal das Niedlichste, das ich in letzter Zeit gesehen habe! Und ich habe gestern den Trailer zu Yoshi’s Woolly World gesehen! Und war kürzlich im Wildschutzpark bei einem Otter, der einen Kiesel jonglierte! ABER DIESER MAULWURF! Ihr hättet ihn über die Straße watscheln sehen sollen. Ich hätte ehrenvoll Seppuku begangen, wenn ich dieses kleine Kerlchen ins Jenseits geschickt hatte. Ich war während der erneuten Anfahrt kurz davor, rechts ran zu fahren, um das kleine ungeschickte Flauschi zu suchen und ich bereute es den ganzen (grinsenden) Heimweg, das possierliche Kerlchen nicht mit mir mitgenommen zu haben. Aber mein Freund hat mir schon öfters scherzhaft (?) mit dem Tod gedroht, sollte ich jemals mit einem Tier nach Hause kommen. Leider fällt ein Maulwurf auch in diese Kategorie. Er hat vermutlich aber nur Angst, weil er weiß, dass ich mich mit allen Nachbarskatzen so gut verstehe. Aber die und ich haben was anderes vor.

Dieser Maulwurf. So niedlich. So ein merkwürdiger Tag.

 

 

Eine Antwort zu “Zwei Zähne und ein Maulwurf

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