Stuff you didn’t know: Mein Nachbar Totoro

totoro2

Ich habe heute etwas Interessantes gelesen, das ich gerne mit euch teilen möchte. Ich habe die folgenden Fakten oder Theorien nicht selber recherchiert, sondern übersetze und fasse zusammen, was ich aus verschiedenen Quellen erfahren habe. Die genannten Quellen findet ihr im Anschluss.

„Mein Nachbar Totoro“ (jap. となりのトトロ, Tonari No Totoro„) ist ein japanischer Anime-Film aus dem Jahr 1988. Hayao Miyazaki (der leider erst kürzlich verkündete, dass „The Wind Rises“ sein letzter Film wird) führte nicht nur die Regie, sondern schrieb auch das Drehbuch der Studio-Ghibli-Produktion.

„Mein Nachbar Totoro“ ist eins der signifikantesten Werke des Studios, da er sowohl bei Kindern als auch Erwachsenen sehr beliebt und die Figur von Totoro zum Wahr- und Kennzeichen des japanischen Filmstudios geworden ist.

Die beiden Hauptcharaktere des Films heißen Satsuki und Mei. Sie sind zwei Schwestern, die zusammen mit ihrem Vater in ein neues Haus einziehen. Dort beginnen sie, merkwürdige Dinge zu sehen, unter anderen auch eine große, mystische Kreatur namens Totoro.

Als ich den Film vor vielen Jahren zum ersten Mal gesehen habe, empfand ich ihn als wunderschön und herzerwärmend, deshalb habe ich ihn über die Jahre hinweg stets an Eltern für ihre Kinder weiter empfohlen, oder den Kindern unter meiner Aufsucht gezeigt (damals in meiner Babysitter-Zeit). Das Ende ist zwar sehr offen, doch daran habe ich mich bei japanischen Filmen langsam gewöhnt.

Das Internet ist ja stets voller Theorien und Möglichkeiten, ich würde sogar behaupten, es gibt keinen Gedanken, der nicht irgendwo in den Weites des World Wide Webs schon einmal weitergeführt wurde. Die Folgende finde ich aber außergewöhnlich interessant und ein sehr gutes Beispiel dafür, dass hinter vielen Kinder-Filmen eigentlich eine wahrhaft gruselige oder morbide Geschichte stecken kann. Und ja, ich bin mit den Original-Märchen der Gebrüder Grimm vertraut.

Die Geschichte von „Mein Nachbar Totoro“ weist sehr viele Parallelen auf zu einem Gewalt-Verbrechen, das in Japan als „Sayama Incident“ (狭山事件 sayama jiken) bekannt ist. Tatsächlich sind es für die Theoretiker zu viele Hinweise, als dass es sich dabei nur um einen Zufall handeln könnte.

Der Sayama-Zwischenfall geschah im Mai 1963. Satsuki (さつき, サツキ) ist der traditionelle Name für den Monat Mai (皐月) und der Name der älteren Schwester. Wir erinnern uns, die Kleinere heißt „Mei“. Der Sayama-Zwischenfall ist nach dem Ort der Begebenheit benannt und gilt in Japan heute noch als wichtiger Fall im Zusammenhang mit Diskriminierung. Eines Tages wurde in Sayama (der Präfektur Saitama) ein junges Mädchen mit Lösegeldforderungen gekidnappt, vergewaltigt und getötet. Ihre ältere Schwester hat die Leiche gefunden, wurde dabei aber so stark traumatisiert, dass sie auf die Frage, was sie denn gesehen hätte geantwortet hat, dass sie „einen großen Tanuki (japanischer Marderhund)“ angetroffen und ein „großes Katzen-Monster“ gesehen hat. Später hat sich die ältere Schwester das Leben genommen.

So, nach dieser wirklich kurzen Zusammenfassung (hier noch mal der Artikel, die Auflösung des Falles ist hochinteressant), weitere „Zufälle“: Das Haus, in die die Familie neu einzieht, befindet sich auch in Saitama.

Außerdem steht auf der Kiste im Hintergrund „狭山茶 sayamacha – auf Deutsch: „Sayama Tee“. Viel Direkter geht es eigentlich nicht.

Laut den bereits erwähnten Quellen sind Totoro und seine magischen Freunde sogenannte „Shinigami“ – jap. 死神, wörtlich: „Todesgott“, sinngemäß auch „Todesgeist“, „Todesengel“ .

Beginnen wir mit den susuwatari (煤渡り) (a.k.a. makkurokurosuke), die kleinen schwarzen Bälle, die die Schwestern in der Küche antreffen. Die Urbanen Legenden und Mythen besagen, wenn man sie oder Totoro sieht, ist der Tod nahe.

Im Film lernen die beiden Mädchen einen Jungen namens Kanta kennen und dessen Großmutter. Sie sagt im Film auch, dass Erwachsene susuwatari oder andere mythische Kreaturen nicht sehen können, glaubt den Mädchen aber, da sie als Kind eine ähnliche Sichtung gemacht hat. Ihr Enkel Kanta jedoch behauptet, nichts davon zu sehen oder gesehen zu haben.

Auch das Krankenhaus (七国病院 shichikoku byouin), in der sich die Mutter von Satsuki und Mei befindet,  hat oder hatte ein Gegenstück im echten Sayama. Es hieß 八国病院 hachikoku byouin und befand sich am selben Ort, wie das Krankenhaus im Film.

Auch der „Nekobus“ (Katzenbus) existiert in der japanischen Mythologie. Und zwar transportiert er die Seelen von verstorbenen Kindern in die nächste Welt (Himmel, Hölle, was auch immer). Das wird durch die Aufschrift auf dem Bild noch verstärkt, die als Ziel „墓道“ anzeigt. Das erste Zeichen bedeutet „Grab“ und das zweite bedeutet „Straße“. Somit verändert sich die Geschichte des Filmes und erzählt nun, dass Mei ermordet wurde und Satsuki beschließt, ihr zu folgen.

Mei betritt im Film das Reich des Shinigami (Todesgottes) Totoro. Auch hier sind die Susuwatari sehr präsent. Auch die monochrome Belichtung trägt zur morbiden Nachricht bei. Sie fragt Totoro, ob er sie zu ihrer älteren Schwester bringt und BÄM, plötzlich kann Satsuki Totoro auch sehen. Sie betreten den Nekobus und wollen zusammen ihre Mutter besuchen – aber sie treffen sie niemals wirklich an.

Leider kann ich folgendes nicht bestätigen, da ich den Film nicht zur Hand habe und es auch eine Weile her ist, dass ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Aber die Theorien besagen auch, dass Mei, ab dem Moment in dem sie vermisst wird, keinen Schatten mehr hat. Miyazaki hat dies wohl damals damit begründet, dass es zuviel gekostet hätte, Schatten hinzuzufügen. Auch die Färbung von Satsuki und Mei ändert sich ganz leicht, nachdem sie beide den Nekobus betreten haben.

In den Credits am Ende sieht man Mei und Satsuki glücklich zusammen mit ihrer Familie und Freunden. Die Lieblings-Begründung der Theoretiker dafür ist, dass dies Erinnerungen sind an die Zeit in der sie noch gelebt haben.

Es gibt auch Gerüchte die besagen, dass der Film in verschiedene Segmente aufgeteilt ist. Manche Teile zeigen die Gegenwart, manche die Vergangenheit oder die Zukunft und bestimmte, die der Fantasie des Vaters entspringen. Das klingt ein bisschen sehr weit hergeholt, allerdings würde es die Szene erklären mit dem riesigen Baum: Die Kinder sitzen auf einem gigantischen Baum, der das kleine Haus der Familie überdeckt und spielen auf der Flöte mit Totoro.

Der Vater guckt raus, sieht sie, lächelt glücklich und fährt mit dem Schreiben fort. Die Theorie besagt deshalb, dass er über seine verstorbenen Töchter genau das schreibt, was sie gerade tun bzw. was er sie tun sieht.

Als die Familie die Mutter zum ersten Mal besucht, zeigt der Kalender den 9. Monat (September) an. Aber gegen Ende des Filmes zeigt er den 8. Monat (August). Laut den unten aufgeführten Quellen passt dies perfekt ins Schaltjahr 1952, einem Jahr, bevor die Mutter des Sayama-Zwischenfalls gestorben ist.

Dies kann einerseits bedeuten, dass die Geschichte nicht chronologisch erzählt wird, oder aber, dass die Mutter fast ein ganzes Jahr lang hospitalisiert war. Die Webseite zur Kalender-Theorie (siehe unten) sagt auch, dass der Grund dafür, dass die Mutter Mei, Satsuki und den Katzenbus nicht im Baum sitzen sehen kann,  da der Katzenbus nur von Kindern gesehen werden kann.

Das reale Krankenhaus, auf dem das, aus dem Film basiert, war in den 1950ern auf schlimme Krankheiten wie Tuberkolose oder Hirn-Tumore spezialisiert. Dies passt nicht nur zur Kalender-Theorie, sondern könnte auch begründen, warum die Mutter am Ende des Films fähig war, ihre Töchter zu sehen: Sie war dem Tod bereits sehr nahe. Tuberkolose hat in den 50ern vielen Menschen das Leben gekostet. Dadurch können die Credits am Ende auch so ausgelegt werden, dass sie eine Version des Himmels ist, in dem sich die beiden toten Mädchen befinden.

Als Mei sich verlaufen hat und sie sich weinend hinsetzt, sieht man 6 Statuen im Bild. Die Statuen nennt man 地蔵 jizou – auf Englisch: Ksitigarbha  – eine buddhistische Gottheit, die in der japanischen Kultur über die Seelen verstorbener Kinder und abgetriebener Föten wacht. Offenbar beinhalten die Lyrics zum Nekobus-Lied im Film auch den Satz „乗ったお客は陽気なおばけ“ notta okyaku wa youki na obake, „die Gäste, die mitfahren sind fröhliche Geister“.

Die Tatsache, dass die gefundene Sandale wirklich nicht die von Mei ist, verstärkt die Theorie, dass sie durch ein Gewaltverbrechen zu Tode gekommen ist.

Am Schluss bleibt eigentlich nur noch zu erwähnen, dass Studio Ghibli alle Vorwürfe zur Verbindung mit dem vehement Verbrechen zurückweist. Das Problem ist natürlich, dass selbst wenn es stimmen würde, das Studio nicht möchte, dass ihr Maskottchen mit einer so morbiden Geschichte in Verbindung gebracht wird.

Das ist mehr als verständlich. Für mich jedoch ist die ganze Geschichte

denn plötzlich macht Vieles Sinn und ich gebe mich gerne mit dieser Theorie und diesem Kontext zufrieden, da ich finde, dass die Geschichte dadurch an Tragik gewinnt und an einer Tiefe, die mir mehr bedeutet, als einfach nur einen simplen hübschen Anime zu mögen.

Quellen:
Zusammentragung: http://my.opera.com/sukekomashi-gaijin/blog/tonari-no-totoro
Kalender-Theorie: http://blog.livedoor.jp/tyokowai2ch/archives/53585214.html

9 Antworten zu “Stuff you didn’t know: Mein Nachbar Totoro

  1. Aber das ist doch nichts Ungewöhnliches, dadurch wird der Film ja nicht weniger schön. Ich hatte mal einen ähnlichen Artikel zu Chihiro gelesen, da ging es darum, dass diese “Badehäuser” wohl eigentlich “Badehäuser” (mit sehr expliziten Anführungszeichen) waren, in denen junge Frauen und Mädchen arbeiteten. Aber Geschichten, in denen kleine Kinder fantastische Abenteuer erleben, um schlimme Erlebnisse zu verdrängen oder sowas in die Richtung gibt es ja zuhauf. Und gerade Ghibli-Filme kann man auf ganz vielen Ebenen sehen.

    Fand Totoro auch ohne das Wissen immer creepy. Totoros Grinsen, der komisch grinsende Katzenbus, in den man einsteigt… und dann die Sandale. “Hey, sie ist doch nicht von Mei, dann ist uns egal, wer hier im Tümpel ertrunken ist.” Alles sehr makaber.

    Ach, warum hast du als Tag überhaupt 9/11 gewählt? :D

    • Wegen der Verschwörungstheorien ;) Denn ich sehe das genau so, wie du es sagst, mit dem kleinen Unterschied, dass ich den Film jetzt tatsächlich noch eine Kante besser finde, weil er dadurch eine „Auflösung“ erhält :)

  2. Wow, cool. Ich lese mir immer gern solche Theorien durch und finde es spannend, wie sehr einige zuzutreffen scheinen.
    Also, erstmal danke fürs zusammensuchen und übersetzen. Ich wollte nur eine Information hinzufügen, ohne dies weiter recherchiert zu haben oder für/gegen diese Theorie sprechen zu wollen.

    Ich habe nur neulich in einem Interview von Miyazaki erfahren, dass das ursprüngliche Cover (oder jetzt auch noch?) in Japan ein Mädchen zeigt, welches gar nicht im Film erscheint. Im Interview sagte er dazu, dass er eigentlich vorhatte, nur ein Mädchen erscheinen zu lassen, aber wegen widersprüchlichen Charakterzügen, die er einspielen wollte und anderen Gründen, dieses dann doch zu zwei einige Jahre voneinander entfernten Geschwistern geändert habe.

    Ich weiß nicht, ob du auch dadrüber gestolpert bist und ob dies irgendwie mit in diesen Theorien auftaucht, wollte es nur mal als zusätzliche Info zum Film erwähnen.
    Hier ein Bild von dem Cover: http://himazeen.jp/wp-content/uploads/2013/07/2.jpeg

    Okay, hier noch ein japanischer Blogeintrag, der auch das gleich besagt. Und dass das Poster so behalten wurde, weil in dem ersten Entwurf auch schon soviele Emotionen gesteckt wurden. http://ameblo.jp/sukattostaff/entry-11549874694.html

  3. Ghibli hat ja schon an sich etwas Mysteriöses, finde ich. Die Geschichten passen gut dazu. Manches erinnert mich auch immer wieder an die Gebrüder Grimm. Ich mag solche Theorien. Dafür ist die Kunst ja da.

  4. Pingback: Ghibli und Ich #2, “Mein Nachbar Totoro” (1988) | Minas Geekith·

  5. Also ich habe den Film ‚Mein Nachbar Totoro‘ nun schon öfters gesehen. Ich hatte immer den Gedanken,das dieser Film bedeuten solle,das nicht alles was gruselig ist,nicht direkt gefährlich ist und das es eine wunderbare Freundschaft zwischen Mensch und ‚Geistern‘ geben kann. Diesen Gedanken hinter dem ganzen finde ich sehr schön. Das Ende, also als Mei verschwindet, würde für mich bedeuten das beide Schwestern riesige Angst um ihre Mutter haben und Mei deshalb aufbricht um ihrer Mutter das Geschenk (den Maiskolben) zu geben. Alle machen sich sorgen um die kleine und der einzige der noch helfen kann ist Totoro. Und auf ihn kann man dich verlassen. Totoro hilft der verzweifelten Satsuki ihre kleine Schwester wieder zu finden.
    und die Sandale die bei der Suche im Teich gefunden wird,kann ja auch einem Kind dort reingefallen sein. Wer weiß das schon?
    Für mich ist es eine einfach wunderschöne Geschichte.
    Jedoch muss ich zugeben das diese Sache mit den Todesgeistern gut sein könnte. Es wäre zwar schade,weil ich die Geschichte dann um einiges trauriger und gruseliger finden würde,aber es könnte sein.

  6. Pingback: Die Stillen Botschaften des Hayao Miyazakis  | Christina Putz·

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s