Einmal Wahnsinn und zurück, bitte!

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11:30 Ich erhebe mich von meinem Arbeitsplatz. „Also“, sage ich zu Kim, Andre und Thorsten. „Ich geh jetzt zum Ausländeramt. Kann ich euch was mitbringen?“ Sie wollen nichts haben. „Ich hoffe, ich bin in einer Stunde zurück. Wenn nicht, wurde ich ausgeschafft.“ Andre hebt den Kopf. „Jou, viel Spaß.“

11:31 Es regnet. Es regnet wie bescheuert. Auf dem kurzen Weg von der Redaktion zum Bahnhof Sternschanze werde ich komplett durchnässt. Auf dem Weg vom Bahnhof Altona zum großen weißen Scheißhaus werde ich regelrecht geduscht. Ich ärgere mich, ausnahmsweise keinen Schirm dabei zu haben.

11:52 Ich erreiche das Rathaus. Drinnen ist es trocken und zugleich gammelig feucht. Ich freue mich auf das Gespräch mit der Frau am Informationsschalter. „Hallo, ich muss zur Ausländerbehörde, ich brauche eine Arbeitsgenehmigung“, sage ich. „Das ist hier gleich Links. Wenn Sie noch Fragen haben, wir machen in 5 Minuten zu.“ „Öh… Danke für den Hinweis.“ Ich gehe nach Links, obwohl Google Maps den Eingang zur Ausländerbehörde eindeutig rechts vom Gebäude angezeigt hatte. Also Links von Oben. Ich beschloss, dass das egal war. Ich stehe in einem Korridor. Er sieht sehr gewöhnlich aus. Abgesehen von den Stühlen am Rand. Dort sitzen Menschen.

11:55 Wir alle kennen das Wartemarken System (nicht Wertmarken, das ist total 1939). Ich setze mich wahllos auf irgendeinen Stuhl. Ich fühle mich nass. Ich blicke auf meine leicht feuchte Marke. Mir kommt schlagartig „Moist“ in den Sinn aus „Dr. Horrible’s Sing-Along-Blog“. Auch egal. Die Nummer ist 75. Ich blicke auf die Anzeigtafel. Die höchste Zahl beträgt 54. Könnte dauern.

12:06 Ein Mädchen setzt sich neben mich. Ihrem Buch nach, das sie liest, kommt sie aus der Türkei. Mir wird klar, dass ich auf dem Weg zur Arbeitsgenehmigung drei schwere Fehler gemacht habe. A) Ich habe keinen Schirm dabei. B) Ich habe kein Buch dabei. C) Ich habe kein Sandwich dabei. Das ist in der Redaktion.

12: 23 Ich werfe einen Blick auf die Anzeigtafel. Die höchste Zahl beträgt 54. Ich weiß jetzt, warum die Frau am Telefon gelacht hat, als ich sagte, ich komm am Montag schnell vorbei. Niemand kommt hier „schnell vorbei“. Wir sitzen alle auf diesem Stuhl. Im Wartekorridor.

12:26 Ein lautes „BLÖP!“ reißt mich aus meinem Tagtraum, der sich um James D’Arcys Auftritt in „Secret Diary of a Call Girl“ dreht. Er spielt dort einen Chefredakteur. Die höchste Zahl ist 55. Ich werde nervös. Jetzt geht es dann gleich wie der Blitz.

12:30 Ich rufe die Redaktion an und teile mit, dass ich noch lebe. Und dass es eventuell etwas länger dauert.

12:32 Ich fange mir an grundlegende Gedanken zu machen. Wo muss ich hin? Wo zeigt der Zettel mit der Aufschrift „Raum 18-19“ hin? In die Wand. Schräg nach Unten. Normalerweise würde das ja auf ein tieferes Stockwerk hinweisen. Doch nicht hier. Es gibt keine Treppen. Nur einen Lift, der ganz wo anders ist und nur nach Unten fährt. Aber wir alle wissen, wo das hinführt.

12:47 Ich nehme die Investigation auf. Wie kommt man zu Raum „18-19“? Ich biege um die Ecke in den nächsten Korridor ein. Ich komme der Sache näher. Es gibt eine Treppe. Sie führt nur nach Oben. Die Lösung: Es geht nirgends nach Unten, weil man nicht nach Unten muss. Wohin dann der Aufzug führt, in den dauernd Leute einsteigen, will ich gar nicht wissen.

13:02: Ich ziehe mein iPhone aus der Tasche und fange an meine Fanmail zu beantworten.

14:37: Ich fange an, meine Geschäftsmails zu lesen.

14:59: Ich fange an, meine Geschäftsmails zu löschen.

15:11: Ich fange an, Ninja Ropes zu spielen. Ich will meinen momentanen Rekord von 2226 Punkten schlagen.

Ca. 4.3 Stunden später: Ich habe Nathan Fillions Rekord überholt. Ich habe seine ca. 22’000 Punkte um 3000 geschlagen. Ich verliere das Interesse am Spiel. Ich fange an Wikipedia durchzulesen. Angefangen bei !.

2.3 Stunden später: Ich komme bis &c, da schmilzt mein iPhone vor Überhitzung.

5 Minuten später: Ich will einen Schirm aus Zehennägeln und Armhaaren basteln. Egal, wie lang das hier noch dauert, wenn ich rauskomme regnets garantiert. Ausser ich hab einen Schirm.

3 Minuten später: Stillsitzen und die Wand anschauen ist nicht mein Ding. Ich fange an, meine Memoiren zu verfassen. Diese hier. Auf meiner Haut.

54 Minuten später: Ein Lama mit Schirm kommt in den Wartekorridor. Es fragt, wo die Toilette ist. Niemand antwortet. Vermutlich wie es niemand versteht. Wir sind hier auf dem Ausländeramt. Hier warten nur Ausländer. Warum fragt es auch auf Deutsch und nicht auf Spanisch? Doofes Lama. „Den Korridor runter, rechts“, antworte ich, weil es einfach nur bewegungs- und ausdruckslos da steht. Seine Miene hellt sich auf. „Danke!“

3 Minuten später: Die höchste Zahl beträgt 59.

27 Minuten später: Das Lama kehrt von der Toilette zurück. Es setzt sich neben mich. Aus dem geschlossenen Schirm zieht es ein Buch hervor. Natürlich.

Eine Stunde später. Das Lama blickt von seinem Buch hoch. „Ich schätze, das mit dem Aufzug lässt sich leicht erklären.“, sagt es, ohne mich anzublicken. „Du hast dir das Ganze nur eingebildet, weil du wahnsinnig wirst. Er fährt natürlich nur nach Oben.“ „Ja, das macht Sinn.“, antworte ich.

15 Minuten später: „Und weil die Tür zur Treppe nach Oben verschlossen ist.“, füge ich hinzu. Das Lama nickt, sagt aber nichts.

3 Minuten später. Ich hebe den kopf und bemerke die Glastür zwischen Warteraum und Lobby. Da war doch eben noch keine Glastür? Ich gehe hin und versuche sie zu öffnen. Sie bewegt sich keinen Millimeter! Ich schiebe zuerst kraftvoller dann panisch! Anstrengungsschweiss und -sabber läuft mir das Gesicht herunter. Frustriert brülle ich auf und sinke auf die Knie. Ich bin hier gefangen. Für immer. Ein älterer Herr geht an mir vorbei, zieht die Tür auf und geht nach Draussen. Oh. Wäre bei mir noch Geisteszustand vorhanden, würde ich mich über meine Dummheit ärgern (genau das passiert mir nämlich oft). Doch ich denke nur: Er hat aufgegeben, der Bastard! Er hat das Handtuch geworfen! Aber ich gebe nicht auf! Niemals! Ich werde warten! Bis die Nummer 75 kommt, werde ich warten! Ich setze mich wieder hin.“BLÖP!“ Die nächste Nummer leuchtet auf. Ich schreie laut: „HA!“ Denn das war bestimmt die Nummer des alten Mannes gewesen.

Gefühlte 17 Stunden später: Welchen Wochentag haben wir? Wo bin ich eigentlich? Wer bin ich überhaupt?? Ist die Gamescom schon vorbei??? Wie kann die höchste Zahl immer noch nur 60 sein???! Das Lama ohrfeigt mich links und rechts. Seine Hufe hinterlassen schmerzhafte Flecken auf meinen Wangen. „Es wird alles wieder gut.“, sagt es. „Wir kommen hier raus.“

1.5 Minuten später: Ich höre Musik. Erst nur ganz leise. Ich höre angestrengt hin und versuche den Song zu erkennen. Jetzt kommt mir die Melodie bekannt vor. Es ist… Sting! „A Thousand Years“ von Sting! Ich stehe auf. Die Musik wird immer lauter! Ich halte es kaum mehr aus. Ich torkle durch den Korridor zu Raum 12-16. „Sting?“, rufe ich. „STING? Wo bist du Sting?“ Ich hämmere mit den Fäusten gegen die verschlossene Tür zu Raum 15. „Sting!“, schreie ich laut. „Ich kann dich hören Sting, ich höre dich! Ich-…“ Die Musik hörte so abrupt auf, dass ich den letzten Satz komplett in den leeren Korridor hinein gerufen hatte. Ich liess von der Tür ab und kehrte zurück zu meinem Sitzplatz. „Die Musik eben“, sagte das Lama, „hast du dir nur eingebildet.“ „Schon klar.“, antworte ich und lasse den Kopf hängen.

40 Minuten später: Ich spiele etwas mit dem Schirm des Lamas herum.

3 Stunden später: Ich jongliere 16 Schirme gleichzeitig und wirble sie herum ohne jemanden zu verletzen.

2 Sekunden später: Ich verliere das Interesse und setze mich wieder hin.

2 Stunden später: Nummer 74 leuchtet seit einiger Zeit. Ich warte auf das Leidenerlösende „BLÖP“.

13 Minuten später: „BLÖP!“ Ich stehe auf und blicke zur Tafel. Es gibt keine 75. Dafür blinkt Nummer 69 wieder. Nein!

Nein!!!!

NEEEEEEEEEEEEEEEIIIIIIIIIIIIIIIINNNNNNNNNNNNNNN!!!!!!

„BLÖP!“ 75.

Phuh.

An den Rest erinnere ich mich nicht. Als ich psychisch wieder zu mir komme, sitze ich wieder am Arbeitsplatz und esse das Sandwich, das ich am Morgen auf dem Hinweg an der Tanke in weiser Voraussicht gekauft hatte. An welchem Morgen? Welches Jahr schreiben wir? Ich stopfe das Sandwich in mich rein und nicke, als die anderen besorgt fragen, ob alles in Ordnung sei. Auf dem Tisch liegt eine Aufenthaltsbewilligung für die nächsten 5 Jahre. Es ist 14:10 Das muss also alles nur ein furchtbarer Traum gewesen sein! Halluzination! Wahnsinn! Woher kommt dieser nasse Schirm am Boden?…

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