Die Behörde und ich – eine Liebesgeschichte

libbeIhr kennt alle diese Filme. Der Protagonist versucht einen einfachen Vorgang des alltäglichen Lebens hinter sich zu bringen, doch alle Hindernisse und Vorfälle, die es überhaupt gibt, stellen sich ihm in den Weg. Etwa so geht das, wenn man etwas von der Hamburger Behörde will.Ich bin ein Mensch der sich a) nicht schnell ärgert. b) freundlich ist und geduldig. c) Dinge gerne so unkompliziert und schnell wie möglich erledigt. Ich bin alles, was die Behördenwelt nicht ist.

Durch meine monatlichen Botengänge zum Einwohnermeldeamt habe ich mich an den gemächlichen Arbeitsrythmus und die unhöflichen Umgangsformen der Stadtverwaltung gewöhnt. Ich dachte, ich hätte es damit der Behördenwelt gezeigt und den bösen Amtsschimmel besiegt. Doch es kam ganz anders!

[Titelmusik „Die Behörde und Ich“]

Lyrics:
Die Behörde und Ich.
Ich bin nett und sie sind da.
Ihre Existenz, mein Exkrement.
Sie regieren und negieren,
ich kann nicht widerstehen
Die Behörde und Ich
das sind Gute Zeiten, schlechte Zeiten
sie sticht in mein Herz
und tanzt lachend auf meinem Grab
aber ich kann nicht widerstehen…

Durch einen glücklichen Umstand und die Hilfe von einer sehr, sehr netten und lieben Person in meinem Umfeld, bin ich an eine bezahlte (jawohl, richtig gehört!) Praktikumsstelle gekommen. Für 250 Euro darf ich meine Tage wieder in einer kleinen und feinen Redaktion verbringen und Beiträge nach meinem Belieben und Gutdünken verfassen. Ein wahrgewordener Traum, ich bin überglücklich. Als ich meine Personalinformationen im HR Büro abgab ahnte ich noch nichts Böses. Doch danach erhielt ich einen Anruf. Ich brauche eine Arbeitsgenehmigung.Mir ist ja durchaus bewusst, dass die Schweiz nicht zur EU gehört und ich deswegen mindestens eine Freizügigkeits-Bescheinigung brauche. Da ich bis jetzt aber nie bezahlt oder auch nur annähernd vertraglich eingestellt wurde, wollte ich das möglichst schnell erledigen.Ich google pflichtbewusst meine Situation und komme auf meine Lieblingshomepage der ganzen Welt. Hamburg.de. Diese Seite weiß die Antwort auf jede Frage. Sie wird sie dir nur niemals geben. Die erste Seite die ich ansteuere ist Informationen für EU-Bürger (einschl. zur EU-Erweiterung) dort steht:

Freizügigkeit genießen aufgrund des Abkommens über den Europäischen Wirtschaftsraum auch die Staatsangehörigen von Island, Liechtenstein und Norwegen sowie nach dem EU-Abkommen Schweiz die Schweizer Bürger. Für alle gilt ebenfalls statt des Aufenthaltsgesetzes das Freizügigkeitsgesetz.

So weit, so gut. Das bedeutet: Ich brauche eine Freizügigkeitsbescheinigung. Unter „Erwerbstätigkeit“ liest man außerdem das hier:

Erwerbstätigkeit

Den Staatsangehörigen der alten Mitgliedstaaten sowie von Malta und Zypern ist die Arbeitsaufnahme ohne Einschränkungen erlaubt, sie genießen die volle EU-Freizügigkeit.
Den Staatsangehörigen der anderen neuen Mitgliedsstaaten ist die Arbeitsaufnahme nur nach voriger Genehmigung erlaubt. Die ggf. erforderliche Genehmigung muss vor Aufnahme der Tätigkeit bei der Agentur für Arbeit (vormals Arbeitsamt) eingeholt werden.

Arbeitsamt also. Die Seite der Agentur für Arbeit ist schnell gefunden, die befindet sich nämlich ebenfalls auf Hamburg. de unter „Behördenfinder“. Informationen gibt es auf der Seite keine, dafür eine Telefonnummer. Schnell angerufen, schnell wieder abgewiesen, ich soll mich bei der Ausländerbehörde melden. Ich rufe dort an. Anstelle einer erneuten puren Abweisung wird mir eine neue kryptische Telefonnummer mitgeteilt, bei der ich mich melden soll. Ich tu das, ich hab ja Zeit und keinen Stress im Moment (Kundenzentrum Fachbereich Ausländerangelegenheiten

[Spannende Musik]

Ich zitiere:

Der Fachbereich Ausländerangelegenheiten des Fachamtes Einwohnerwesen betreut die ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die im Bezirk mit Hauptwohnsitz gemeldet sind und die im Besitz einer der folgenden Aufenthaltstitel oder aufenthaltsrechtlichen Bescheinigungen sind:

  • Aufenthaltserlaubnis
  • Aufenthaltskarte für Familienangehörige von Unionsbürgern
  • Bescheinigung über den Daueraufenthalt
  • Daueraufenthaltskarte für Familienangehörige von Unionsbürgern
  • Erlaubnis zum Daueraufenthalt-EG
  • Freizügigkeitsbescheinigung
  • Niederlassungserlaubnis
  • Verlängerung von Besuchs- und Geschäftsreisevisa
Ich möchte an dieser Stelle daran erinnern, dass ich auf der Suche nach einem Weg bin, an eine Freizügigkeitsbescheinigung oder eine Arbeitsgenehmigung ranzukommen. Und ich soll mich also nur beim Ausländeramt melden, wenn ich eine Freizügigkeitsbescheinigung habe. Ich gebe zu, das verwirrt mich. Sehr. Doch auch hier gibt es zum Glück eine Telefonnummer und den wertvollen Hinweis:


Wegen der Unterschiedlichkeit und Vielzahl der Aufenthaltszwecke sollten Sie vor einem Besuch die mitzubringenden Unterlagen möglichst telefonisch erfragen.

Heute ist Donnerstag. Es ist 11:20 Uhr Ortszeit. Ich habe zum ersten Mal an diesem Tag ein Erfolgserlebnis, denn ich lese:


Telefonischer Kontakt nur Montag, Dienstag und Donnerstag von 10-12 Uhr.

Ich rufe an.
Es ist besetzt.
Ich warte fünf Minuten.
Ich rufe nochmal an.
Es ist besetzt.
Ich warte zehn Minuten.
Ich rufe nochmal an.
Es ist besetzt.
Ich lenke meine Aufmerksamkeit auf die Öffnungszeiten, da die Angestellten während den 2h in denen sie wöchentlich Anrufe entgegennehmen keine Anrufe entgegennehmen.

Öffnungszeiten
Montag 8-16 Uhr (mit Wartemarke)
Dienstag nur mit Terminvereinbarung
Mittwoch geschlossen
Donnerstag 8-16 Uhr (mit Wartemarke)
Freitag geschlossen

Ich notiere: Mo 8-4, Do 8-4. Ich arbeite Mo 8-6 Di, Mi, Do und Fr.Ich weine ein bisschen.
Ich rufe nochmal an.
Es klingelt. Ich sage laut „Oh, mein Gott, es klingelt!“.
Ich ernte fragende Blicke von den Redakteuren.
Jemand geht ran.
„Hallo, mein Name ist Sarah Geser. Ich habe eine neue Stelle angetreten und bräuchte eine Freizügigkeitsbescheinigung und eine Arbeitsgenehmigung, weil ich aus der Schweiz bin. Ich habe mich auf der Homepage bereits informiert und würde gerne wissen, welche Unterlagen ich mitbringen soll.“
Die Frau lacht.
Muss lustig sein in der Behörde zu arbeiten. Oder die einzige Freude im Leben dieser Menschen besteht darin, Anrufer die Dienstleistungen von denen erbeuten wollen auszulachen. Ich lache nicht mit, sondern schweige – ein bisschen betroffen.
„Woher kommen Sie?“, fragt mich die Angestellte, nachdem sie sich ausgelacht hat. Ich wiederhole langsam und deutlich „Schweiz.“
„Haben Sie einen Arbeitsvertrag?“
„Nein. Aber einen Personalbogen für geringfügige Beschäftigung.“
„Okay, haben Sie eine Lohnbescheinigung?“
„Nein, dazu brauche ich eine Arbeitsgenehmigung.“ Sie lacht wieder. Ich kann einfach nicht erkennen, was daran lustig sein sollte. In mir steigt das Bedürfnis auf, jemanden mit der Hand ins Gesicht zu schlagen. „Bringen Sie bitte Ihren Pass und den Arbeitsvertrag mit.“
„Ich habe keinen-… Ich komm am Montag vorbei.“

Und in der nächsten Episode „Die Behörde und ich – die Liebe die zählt“ sehen Sie:

Sarah begibt sich auf eine Abenteuerreise. Sie nutzt die Mittagspause am Montag um der hinterhältigen Ausländerbehörde zu besuchen. Doch das war ein Teil des Plans und die Behörde stellt Sarah keine Arbeitsgenehmigung aus, denn Sarah kam entgegen der Abmachung ohne Arbeitsvertrag. Kann Sarah ihre Stelle behalten? Ist es der Krankenkasse grundsätzlich nicht scheißegal, ob die Nicht-Angestellte jetzt aus der Schweiz oder Uganda kommt? Kommt Sarah ins Gefängnis, weil sie die Ausländerabteilung im großen weißen Haus in Altona zerstört hat?

All das sehen Sie in der nächsten Folge, wenn es wieder heißt:

„Die Behörde und Ich“.

[Abspann]

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