[ WASD ] The Silver Gymnasium – Wenn Musiker Videospiele entwickeln

silvergym

Die Geschichte hat gezeigt, dass meistens nichts Gutes dabei herauskommt, wenn Musiker Videospiele erschaffen. Kann also [ dieses Retro-Browser-Spiel namens "The Silver Gymnasium" ] den Glauben in Musiker-Videospiele rehabilitieren? Für die vierte Ausgabe der WASD habe ich mir das Spiel und die Problematik unter die Lupe genommen.

Dass ich nicht die einzige Person auf der Welt bin, die gleichermaßen der Musik ergeben wie von Videospielen begeistert ist, bewies in diesem Monat ein Mann namens Will Sheff. Er ist der Lead-Sänger und Songwriter einer Folkrock-Band namens Okkervil River, die am 3. September 2013 ihr siebtes Album “The Silver Gymnasium” auf den Markt brachte. Bisher drehte sich die Musik von Okkervil River nie um die Persönlichkeit von Will Sheff, dem Kopf der 1998 gegründeten Indie-Rock-Band. Im neuesten Album nimmt er uns jedoch mit in seine Kindheit in Meriden, New Hampshire.

Ich weiß, ihr denkt jetzt wahrscheinlich “Hä? Was interessiert mich dieser Mumpitz?! Was hat das alles mit Videospielen zu tun? Das klingt viel mehr nach Werbung für irgendeine CD irgendwelcher Nerd-Brillen-tragenden Hipster!”. Ruhig, Brauner, dazu komme ich gleich.

Will Sheff verbrachte die besagte Jugend nämlich mit Videospielen wie “Maniac Mansion”, “Leisure Suit Larry” und “King’s Quest” und bezeichnet sich selbst als großer Games-Fan. Diese Gefühle kombiniert mit der 80er Jahre Nostalgie seiner Kindheit weckten in ihm das Fieber, ein eigenes Spiel entwickeln.

Dazu brauchte er aber auch einen Entwickler. Deswegen nahm Sheff Kontakt auf mit der Digital-Agentur Eyes And Ears, die ihn mit Developer Benjamin Miles in Kontakt brachten, der – wie der Zufall so will – selber schon lange ein Retro-8-Bit-Adventure erschaffen wollte.

Das Produkt dieser fast schon schicksalshaften Zusammenstellung ist ein Browser-Point & Click-Adventure, das auf den Namen “The Silver Gymnasium” hört. Das Spiel wurde in mehrere Episoden aufgeteilt, die alle zwei Wochen erscheinen. Zwei Kapitel des Spiels sind bereits online und nehmen euch mit auf eine Zeitreise in das Jahr 1986 – nach New Hampshire.

Ihr schlüpft in die Haut eines kleinen Jungen, der eines Tages, seinen Sitz vor dem Computer zu verlassen, um die Welt da draußen zu erkunden. Das macht man am besten, indem man sich einen Walkman schnappt und sich mithilfe der Musik gegen die Geräusche der Außenwelt abschirmt. Passenderweise ist ausgerechnet heute seine große Schwester verschwunden. Sachen gibt’s. Also machen wir uns bzw. er sich auf die Suche nach der verschollenen großen Sis.

Das erste Kapitel nimmt nur rund zehn Minuten Spielzeit in Anspruch, das zweite ist ein bisschen länger. Ich würde es aber durchaus als eine gute Kürze bezeichnen, denn “The Silver Gymnasium” bindet den Spieler nicht auf diese unangenehme “Alter, was mache ich mit meinem Leben?!”-Art und Weise wie zum Beispiel “Cookie Clicker”, das zurzeit seine Runden durch meinen Bekanntenkreis zieht, sondern macht nach der kurzen Spielzeit Neugierig darauf, wohin die Reise den kleinen Nerd noch führt.

Die Geschichte, das Spielprinzip, der Pixel-Look sowie die der Chiptune-Soundtrack (aus dem auch Auszüge von Liedern des neuen Albums zu hören sind) erinnern mich an Jason Rohrers “Passage”, die zusätzlichen Sound-Fassaden, die Interaktion mit Leuten und Monstern sowie die Optik der Level sind aber moderner und detaillierter. Und humorvoller. Fans der Band entdecken bestimmt noch mehr Information oder Inhalt als ich. Ich kenne die Band ja erst seit heute. Und trotz genau der Tatsache ist “The Silver Gymnasium” ein sehr gelungenes und unterhaltsames kleines Abenteuer. Ich gebe zu, dass ich tatsächlich schon ziemlich gespannt auf das dritte Kapitel warte.

Okay. Ich ahne, was ihr mittlerweile denkt. “Ts, ts, ts, Sarah, du stellst das jetzt als völlig neue Idee dar,  dass Musiker auf die Idee kommen, ein Videospiel zu entwickeln!” Okay. Guter Punkt. Natürlich sind Jeff und Benjamin nicht die Ersten, die die das Videospiel als Marketing-Element entdeckt haben. Lasst mich dazu bitte ganz kurz (ich versprech’s) abschweifen in die Vergangenheit.

In die Zeit, als die Kombination aus Musikern und Videospiel noch unerbittlich und grausam war …

In den 80ern, als die Videospiele gerade mal lernten aufs Töpfchen zu gehen, erlebte die Musik meiner äußerst bescheidenen Meinung nach ihren Höhepunkt. Bands wie Def Leppard, Van Halen, Rush, Queen, Yes, Toto, Frankie Goes To Hollywood oder Journey feierten ihre größten Erfolge. Musikalisch. Das führte dazu, dass sich manche Bands in Form eines Videospiels verewigten oder verewigen ließen.

Über Journey erschien in den 80ern nicht ein Videospiel, sondern ZWEI! Eins für den Atari 2600 im Jahr 1982 (“Journey: Escape”) und eine abgeänderte Version als Arcade-Automat, 1983. 1985 erschien ein Spiel namens “Frankie Goes To Hollywood” auf C64, Amstrad CPC und ZX Spectrum. Das Spiel basierte auf der Musik, Symbolen und Slogans der gleichnamigen Band. Diese Spiele darf man zurecht als merkwürdig bezeichnen. Der berühmteste dieser Genre-Kollegen erschien aber 1989: “Michael Jackson’s Moonwalker”. Das Spielkonzept und das Design werden Michael Jackson selber zugeschrieben, aber das ist keine Entschuldigung. Es gibt verschiedene Versionen des Spiels und sie landen fast immer ziemlich weit vorne auf den Listen der merkwürdigsten Video-Spiele aller Zeiten. Den Rest der unrühmlichen Geschichte der Musiker-Videospiele versuche ich in nur einem Satz aufzuzählen (wünscht mir Glück!):

1993 kam mit “Xplora 1″ ein Spiel von Peter Gabriel heraus, dem folgte 1994 “Revolution X”, ein Rail-Shooter über Aerosmith (ich meine diesen Nebensatz völlig ernst), 1998 Queens “The eYe”,  ein 3D-Action Spiel mit Kampf- und Puzzlesequenzen, 2000 erschien ein Spiel namens “KISS: Psycho Circus – The Nightmare Child” (ich würde mal sagen, der harmonische Titel des First-Person-Shooters sagt alles), “Britney’s Dance Beat” folgte 2002 auf PS 2, GBA und PC  und dann wären da noch die ganzen Rapper-Spiele über 50 Cent, den Wu-Tang Clan oder Def Jam.

Geschafft!

… Nein! Ich habe “Spice World” – das Spiel über die Spice Girls vergessen! Verdammt, wie konnte das passieren?

Egal, mein Punkt ist, diese Spiele stammen alle von – sagen wir mal – Tripple-A-Musikern aber sind … naja, schlecht. Ich habe sie (zum Glück) nicht alle gespielt, aber ich wage diese Behauptung jetzt einfach mal, da ich sie für nicht sehr mutig halte. Deswegen ist es doch schön, dass die Musik-Welt die Angst vor dem Entwickeln eines eigenen Videospiels trotz allem nicht verloren hat. Ich hätte diese Geschichte nämlich längst aufgegeben.

2012 hat zum Beispiel die Surf-Punk/Rock-Band Wavves zusammen mit dem amerikanischen Magazin VICE ein “Paper Boy” ähnliches Spiel herausgebracht, in dem der Spieler in die Haut von Sänger Nathan Williams oder Bassist Stephen Pope schlüpft, um Drogen zu verticken und Monster mit Meth zu füttern. Gleichzeitig bekämpfte man zur Musik der New Yorker Chiptune-Band Anamanaguchi und deren “So Bored”-Cover die Polizei, gigantischen Sado-Maso-Babys und andere Produkte eines ausgewachsenen Drogenrauschs. Leider wurde das Spiel mit dem vielversprechenden Namen “Weed Demon” wieder aus dem Netz entfernt. Darüber, dass es vielleicht am Namen oder an den Spielinhalten gelegen hat, kann ich nur spekulieren.

Wer damals auf die exzessive Gewalt und den Missbrauch von Drogen verzichten konnte oder wollte, hatte im vergangenen Jahr noch eine andere Möglichkeit. Die Vivian Girls, eine amerikanische Indie-Rock-Band (hey, erkennt ihr auch langsam ein Muster?) hatte ebenfalls das Retro-Fieber gepackt. Erinnert ihr euch auch noch an die Spielbücher aus den 80ern? Man beginnt bei Abschnitt eins und wird dann vor die Wahl gestellt, wie die Geschichte weiter gehen soll. Das Buch sagte einem dann, auf welcher Seite man weiterlesen darf. Eins, der Vivian Girls, Katy Goodman hat diese Idee als Basis und völlig selbstständig ein Spiel entwickelt und es als Download zur Verfügung gestellt. Coole Sache. Weibliche Band, weibliche Entwicklerin (falls ihr das Detail übersehen habt) – liebe ich.

Fassen wir zusammen: Obwohl die letzten Jahrzehnte gezeigt haben, dass Videospiele als Marketing-Medium für Musiker nicht die allerbeste Idee sind, kommt es heute noch vor, dass sich zwei Menschen den Mut fassen, ein Videospiel zu entwickeln und wenn dabei ein so wunderhübsches Retro-8-Bit-Spiel wie “The Silver Gymnasium” herauskommt, ist das ein Grund, sich zu freuen.

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